DENKBAR an der Telgter Kulturspur

Jedes Wochenende ein Zitat in unserem Küchenfenster an der Herrenstraße, das unter http://www.farasan.de/denkbar-an-der-telgter-kulturspur-2/2012-2/ kommentiert wird. Kritisches zu Zeitgeschehen, Politik oder Gesichtspunkten, die uns beschäftigen.

17.5.2012

Weil Denken die schwerste Arbeit ist, die es gibt, beschäftigen sich auch nur wenige damit. (Henry Ford)

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Gehorche Keinem!

(Unibibliothek Münster by AI.)

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12.5.2012

Wir sind nicht geboren worden, um unterdrückt, belogen, in Unwissenheit gehalten, bedingungslos einer ausbeutenden Minderheit ausgeliefert zu sein, um dann in Dankbarkeit zu sterben!

(Edward Grossmann)

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DENKBAR an der Telgter Kulturspur

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5.5.2012

(Fotografiert an der Eastside-Gallery, Berlin)

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28.4.2012

Wohlstand zu schaffen geht besser, wenn man die Werte achtet, die für behinderte Menschen selbstverständlich sind. (Philippe Pozzo di Borgo)

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Runzeln melancholischer Spermien

Die Betrachtung von Kunstwerken an sich ist oftmals schon eine Herausforderung für die menschliche Wahrnehmung und die kognitive Verarbeitung des Gesehenen (die Eroberung des Irrationalen!), doch konzentriert man sich obendrein noch auf die Titel der Exponate, dann bewahrheitet sich der Standardsatz des Profi-Kunst-Guckers: „Da-muss-man-erstmal-drauf-kommen“. Unser Favorit ist „Runzeln melancholischer Spermien“, aber auch der Rest ist nicht von schlechten Eltern. Der Vater dieser gedrechselten Worte ist übrigens Dali und die Titel entstammen allesamt einer Reihe von druckgraphischen Werken u.a. aus der Mappe „Dali-Goya“, momentan in der Billerbecker Kolvenburg zu bewundern. Übrigens: Ein Narr, der denkt, dass das Geschriebene im Bild wiederzufinden ist!

  • Die langhaarigen Inkas haben sich verspätet
  • die Taucher der Zukunft
  • Sieben Richter fressen die Leber eines Gehenkten
  • Gegenseitiges Erbrechen
  • Der Schwan ist nicht zu stoßen (Schnepfe, bumsen)
  • Der Tränenteich fallende Tropfen
  • Die Büste von Voltaire ist überall anwesend, nur nicht da, wo er sich befindet
  • Der Federkiele sind gleich Sechs Federn
  • Von Lullus straff gezogener hypnagogischer Strick
  • Phosphenischen Einbildungen nachgehen
  • Er bestieg die Treppe, als ging er sie hinab
  • Tetraedrische Unsterblichkeit des Würfels
  • Die heilige Dreifaltigkeit, Heilige „Hartnäckigkeit der Erinnerung“
  • Der Mensch, auferstanden durch die Holographie des Eichhörnchen

 

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DENKBAR an der Telgter Kulturspur

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21.4.2012

Beim Militär verliehen sie mir einen Orden, weil ich zwei Männer tötete, und entließen mich, weil ich einen liebte” (Grabinschrift des schwulen Vietnam-Soldaten Leonard P. Matlovich in Washington D.C.)

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14.4.2012

Der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit (Erich Fromm)

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Heute schon Visionen gehabt?

Unsere Seitentür an der Herrenstraße zu Telgte ziert seit gestern ein Schild mit der Aufschrift: Heute schon Visionen gehabt? Eine unserer Schnaps-, nein Rotweinideen an einem visionsschwangeren Abend. Farasan hat schließlich einen selbsternannten Provokations- und Nachdenkanregungsanspruch. Und ich kann mir schon vorstellen, wie bald die ersten Visionskritiker und Realitätsorgasmatiker diesen Satz geißeln werden. Wo kommen wir hin, wenn alle nur Visionen hätten?

Bald sind wieder Wahlen in NRW und eigentlich sind ja immer irgendwie und irgendwo Wahlen (vor allem in den Köpfen der Politiker). Allerorts prangen nun Plakate von den Lichtmasten und manche gigantischen Plakatflächen erschlagen einen förmlich mit ihrer Art, Raum einzunehmen. Und mich schauerts und gruselt es, wenn ich zwangsläufig an diesen visuellen Kakophonien aus Einfallslosigkeit, Inhaltsleere und Angepasstheit vorbeifahren muss. Irgendwie möchte man zum Verrecken nicht, dass diese Grinsemänner und Lächelfrauen mich regieren, zumal ich es überhaupt nicht mag, dass mich jemand regiert. Ich vergaß, sie wollen mich nur vertreten und ihr Ansinnen, für die Gesellschaft aktiv zu werden, allerdings aus zum Teil zweifelhaften Beweggründen, ist durchaus löblich. Doch querbeet, sagen wir durch die meisten Parteien hindurch, entdecke ich nicht ein Fünkchen an lebendiger Utopie, an humanistischer Vielfältigkeit, an sprudelndem Anything goes. Stattdessen und hier meine ich nicht nur die Politik, sorgen “bürokratische Komplexe mit eigenen Informationsrezeptoren, Datenverarbeitungszentren, Entscheidungsregeln, Kommunikationsnetzen, Speicher- und Auswertungssysgtemen” (John Raser) dafür, dass menschliche Leidenschaft irrelevant wird. Im Vordergrund steht allerorts ein angepasstes Betonspurdenken, ein Regelwerk, das Möglichkeiten zu Unmöglichkeiten degradiert, dass visionäres Denken im Keim erstickt und Bürokratie zum Lebensleitsystem erklärt.  Werden, wie hier im Telgter Rat, schon mal verrückte Ideen angedacht oder -huijuijui – geäußert, fauchen die konservativen Parteien a la CDU oder noch schlimmer FDP, die ein visionelles Vermögen einer Nacktschnecke in der Dezembersonne besitzen, gleich von Fantasterei und Traumtänzerei. Ich vermute, sie sind dabei ziemlich stolz auf sich, weil sie der unausrottbaren Meinung sind, Gralshüter der Vernünftigkeit und einer wie auch immer gearteten Leitkultur (oder war es die Gleitkultur?) zu sein. Die Zeitungen, zumeist ebenfalls graue Eminenzen eines trockenknödeligen Informationssystems, überschlagen sich momentan und prangern die Unfähigkeit, Unerschrockenheit und Unüberlegtheit der PIRATENpartei an. Ich muss schmunzeln, wenn ich diese Ablenkungsversuche von Leute beobachte, die selbst in sich erstarrt, sinnentleert und enterotisiert wie Figuren einer Geisterbahn sind, aber das hohe Lied des Fortschritts und Aufbaus pfeifen. Und apropos Erotik: Herbert Marcuse (ich weiß, der war böse!) vertrat die Meinung, der Keim zur – wie ich finde – schon lange notwendigen Revolution liege in der Emanzipation der Sinne. Er spricht von einer Gesellschaft, in der die Erotik sein ganzes Dasein durchdringt und seine Beziehung zur Natur und zu seinen Mitmenschen erfüllt. Erotik sei der Schlüssel zum Denken. Ein Großteil unserer Vordenker, Bestimmer und Verwalter handelt so, als sei ihr Leben eine einziger Prozess der Verdrängung und Unterdrückung von erotischer Energie. Nur zur Erklärung: Mit Erotik ist nicht das gemeint, was Papa hinter der Brockhaussammlung versteckt, sondern das Gesamt der sinnlich-geistigen Ergüsse. Wie sollen da Visionen entstehen?

Wir beim Visionieren

Zurück zu unserem Schild an der Holztür. Natürlich ist es zunächst als eine fröhlich-freie Aufforderung zum Philosophieren gedacht, aber wer so etwas an die Pforten nagelt bzw. schraubt, muss sich natürlich selbst fragen lassen, wie es denn so im eigenen Alltag mit den Visionen aussieht. Große Klappe und nix dahinter? So viel sei verraten: Unser Haus ist bis unters Dach mit Visionen vollgepackt. Auf Spickzetteln oder Abrissen stehen Notizen, Gedanken oder Träume, die bei passender Gelegenheit in die Umlaufbahn gebracht werden. An einer anderen Stelle hier auf Farasan findet man schon einen sehr alten Bericht über Kulturvisionen in Telgte. Voila: An der Umsetzung des ein oder anderen Gedanken waren und sind wir beteiligt. Andere Fantasien sind bereits in Bücher eingeflossen oder es sind daraus Bilder entstanden. Unsere Farasan-Seite ist Teil unserer Vision eines gesellschaftskritischen Diskurses und in nächster Zeit werden noch weitere Ideen und Vorstellungen wahr. Aber unsere Hauptvision, ein Leben nach unseren hedonischen Vorstellungen zu führen (Kurzversion: Liebe, Lust und Leidenschaft), ist längst Teil einer spannenden Realität geworden. Darf man es dann noch Vision nennen? Darf man, denn mehrfach die Woche verlassen wir die Realität mit unserem Visionomobil und begeben uns auf Traumpfade, echte wie imaginierte. Neulich nannte uns jemand Spinner! Es erfüllte uns mit Stolz und wir dachten: Wir sind auf dem richtigen Weg!

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DENKBAR an der Telgter Kulturspur

Jedes Wochenende ein Zitat in unserem Küchenfenster an der Herrenstraße, das unter http://www.farasan.de/denkbar-an-der-telgter-kulturspur-2/2012-2/ kommentiert wird. Kritisches zu Zeitgeschehen, Politik oder Gesichtspunkten, die uns beschäftigen.

7.4.2012

Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt (Mahatma Gandhi)

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Der neue Rundfunkbeitrag 2013

Als “Bürger”, die seit vielen Jahren aufs Fernsehen verzichten, haben wir folgenden Protestbrief an ARD, ZDF, Deutschlandfunk und die Betreiber der Homepage www.rundfunkbeitrag.de gesendet.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

letzte Woche erreichte uns ein Schreiben von der ARD, dem ZDF und dem Deutschlandradio, in dem uns der neue Rundfunkbeitrag angekündigt und schmackhaft gemacht wurde. Natürlich hatten wir uns schon im Vorfeld mit dieser Neuerung auseinandergesetzt und waren zu dem Ergebnis gekommen: Das kommt dabei raus, wenn sich vielbeschäftigte Leute wie z.B. Herr Beck nebenbei auch noch um kulturelle Belange kümmern, die eine umfassendere Beschäftigung verlangen. Vorweg: Ich halte die neue Rundfunkfinanzierung für unausgegoren, oberflächlich und in typischer Verwaltungsmanier unkreativ gestrickt, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Seit über 5 Jahren leben meine Frau und ich fernsehfrei. Zu dem Entschluss eines Fernsehverzichts kamen wir vor allem aufgrund des Wunsches, unsere freie Zeit mit sinnvollem Inhalt zu füllen, anstatt uns berieseln zu lassen oder gar die Zeit totschlagen zu wollen/zu müssen. Kultur und Unterhaltung machen wir selbst, und Information und Bildung führen wir uns durch das Radio sowie diverse Zeitschriften zu. Trotzdem bezahlen wir dummerweise seit Jahren brav den unsäglichen GEZ-Beitrag. Warum?

Weiterhin ist die Tatsache, kein TV zu nutzen, ein Protest gegen die Sinnverflachung oder gar -entleerung der gesendeten Inhalte im Fernsehen. Da machen auch ARD und ZDF keine großartige Ausnahme. Sie schreiben auf der Homepage www.rundfunkbetrag.de: “Durch das Solidarmodell ist es möglich, Sendungen für Minderheiten zu produzieren, die sonst aus Kostengründen nicht realisierbar wären.” Nehme ich die aktuelle Prisma zur Hand und gehe stichprobenartig durch die Programmhinweise, so frage ich mich was an Rosa Roth, Inga Lindström, Um Himmels Willen, In aller Freundschaft, Rette die Millionen, Schlau wie die Tagesschau oder der Alte (um nur Auszüge zu nennen) so wichtig ist, dass man es durch u.a. meine unter Zwang erstatteten Gelder finanzieren muss? Was ist an diesen und dutzenden anderen Sendungen “hochwertig, unabhängig und vielfältig?” Diese Woche fehlten übrigens die Heimatmelodiesendungen! Minderheiten kommen sicherlich beim Deutschlandfunk auf ihre Kosten, ARD und ZDF sind allerdings beim besten Willen keine Spartensender für Minderheiten, sondern massenkompatible Einrichtungen.

Warum muss ich für etwas zahlen, was ich tatsächlich nicht nutze? Auch die immer wieder geäußerte Verdächtigung, man könne ja im Internet Fernsehen konsumieren, ist eine arglistige Unterstellung. Nein, wir schauen auch dort keine Filme oder Sendungen! Die Praktiken der GEZ wären vergleichbar mit einer Autobahnsteuer für jeden Bürger, auch wenn man selbst ausschließlich mit dem Rad unterwegs ist.

Ich habe im Vorfeld alle ernstzunehmenden Parteien, sogar die FDP, angeschrieben und um eine Stellungnahme gebeten. Es kamen tatsächlich bis auf die GRÜNEN z.T. ausführliche, aber wie immer worthülsige Antworten, nur keiner ging auf meine Frage ein, warum ich für etwas bezahlen muss, was ich nicht nutze.

 Warum gestaltet man den Rundfunkbetrag nicht tatsächlich nach dem Verbrauch im Sinne eines Pay-TVs?. Bitte erzählen Sie mir nicht, dass dies technisch nicht möglich oder wie Sie schreiben “nicht überprüfbar” ist. Das kann nicht sein, sonst würden ja auch andere Einrichtungen dieser Art nicht funktionieren. Ich kann im Internet Seiten nur dann nutzen, wenn ich einen Beitrag leiste und beim Bezahlfernsehen ist das nicht anders. Wer viel schaut, zahlt viel und für die Leute mit wenig Geld (die allerdings zumeist auch nicht unbedingt ARD und ZDF nutzen!!), könnte man eben diese Sender kostenfrei anbieten. Übrigens sollte es einer Einrichtung, der an Kultur gelegen ist, wichtig sein, den Fernsehkonsum nicht zu fördern, sondern in Maßen zu halten.

Ich weiß, dass meine Einwände keinerlei Bedeutung haben werden. Die Anzahl der Menschen, die nicht Fernsehen schauen, liegt laut einer Reportage des Spiegels bei ca. 1,5 Millionen. Leider ist diese Gruppe noch nicht organisiert, über Verfassungsklagen wurde allerdings in Foren schon nachgedacht. Ich möchte sie daher bitten, diese Gesetzesänderung noch einmal zu überdenken. Ich vermute mal, dass aufgrund der oben genannten Oberflächlichkeit bei der Planung diese anscheinend unterschätzte Gruppe der fernsehfreien Zeitgenossen ausgeklammert wurde. Übrigens bin ich gerne bereit, für das Deutschlandradio oder andere Radiosendungen zu zahlen!

Mit freundlichem Gruß

AI.

Falls wir Antworten von den Adressaten erhalten, posten wir sie an dieser Stelle.

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DENKBAR an der Telgter Kulturspur

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31.3.2012

Eine lernende Organisation ist ein Ort,
an dem Menschen kontinuierlich entdecken,
dass sie ihre Realität selbst erschaffen.
Und dass sie sie verändern können.
(Peter M. Senge)

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DENKBAR an der Telgter Kulturspur

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24.3.2012

Wenn das Zusammensein von Mann und Frau aus Konkurrenz besteht, warum gehen sie eine Beziehung ein? Aus Liebe? (Marion Illhardt)

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Kulturzeit Telgte

Hätten Sie heut Zeit für sich?

So interessant und vielfältig das Kulturprogramm in Telgte, so wenig übersichtlich ist die Ankündigung der verschiedenen Veranstaltungen aus Kunst, Musik und Kultur. Jeder kocht sein Süppchen und oftmals findet man eher zufällig in der Zeitung eine Notiz über z.B. eine kleine Lesung oder ein Konzert in einem Biergarten oder Hinterhof. Wir möchten in unserer Kulturzeit Telgte diese Informationen ein wenig zusammentragen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.  Zu finden unter: http://www.farasan.de/kulturzeit-telgte/

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Kindgerechtes Leben

(Marion Illhardt)

In diesem Blog-Artikel reflektiere ich zurückblickend mein Verhalten als Mutter. Es it somit eine veränderte Version eines früheren Artikels mit dem Titel ”Muttersein” (siehe (http://www.farasan.de/seelenleben/muttersein/), in dem es um meine Befindlichkeiten als Mutter bzw. als Frau geht.   

Gestern schaute ich mir seit langer Zeit mal wieder Dias meiner Eltern an! Alte Urlaubsaufnahmen flimmerten über die Leinwand. Ach du Güte, man staunt und lacht über die damalige Mode, über die Haarfrisuren, lustige Augenblicke und missratene Aufnahmen. So viele Situationen sind aus dem Gedächtnis verschwunden, hervorgerufen werden sie dann durch solche Aktionen. Nachdenklich betrachtete ich die Bilder, mir fiel auf (eigentlich bin ich relativ modebewusst), dass ich praktisch und bequem angezogen war und meine Haarfrisur auch in jeder Situation hielt bzw. man konnte nicht viel daran kaputt machen.  Aber was sofort hervorstach, war meine Körperhaltung! Entweder neigte ich mich den Kindern zu oder meine Haltung war augenscheinlich angespannt bzw. verkrampft, immer sprungbereit!

Ich vertrat damals schon den Standpunkt, früh Eltern zu werden sei wichtig und ich finde nach wie vor, dass es ein großer Vorteil ist, die Altersspanne zwischen den heranwachsenden Kindern und den Eltern gering zu halten, um das Verständnis für die Nöte und Probleme der Jugendlichen zu bewahren und sie beraten zu können, wenn sie anfangen, über ihre Zukunft nachzudenken.

Mit 23 Jahren bekam ich mein erstes Kind. Ich bereitete mich Monate vorher auf den Moment der Mutterschaft vor. Unzählige Zeitschriften und Magazine habe ich gelesen. Wie verhält man sich während der Schwangerschaft, wie erlebt man die ersten 3 Monate, welcher Brei ist der Beste, welche Windeln sollte man benutzen und welche Kleinkinderkost wird bevorzugt! Ich fühlte mich perfekt, wohl gemerkt: in der Theorie! Alles war verschwunden, als meine Tochter da vor mir lag! Kinder halten sich nun leider nicht an die gedruckten Worte. All mein theoretisches Wissen war zum Herrn. Letztendlich hatte unser Bauchgefühl entschieden!

Die ersten drei Jahre waren sehr anstrengend. Die Kleine meinte, Tag und Nacht präsent sein zu müssen. Manche Märchen (wir gehörten zu den Eltern, die abends vorlesen) kannten wir mit der Zeit auswendig! Beim zweiten Kind staunten wir Bauklötze: Es ging alles “wie von selbst”! Die Tochter schlief durch, der neue Erdenbürger war ein sehr pflegeleichtes Baby und so konnte man diese Zeit lockerer “genießen”.

Meine Tochter zog mit zwanzig aus dem elterlichen Haus aus! Gott, war das eine Umstellung! Es ist ja nicht so, dass Kinder sofort den Überblick über ihre gesamte Zukunft und das tägliche Leben haben auch wenn sie meinen den vollen Durchblick zu haben! Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, und zwar für beide Seiten. Als Eltern nimmt man sich in der Regel vor, ein Kind zur Selbständigkeit und zur Eigenverantwortung zu erziehen. Aber denkt man auch daran, sich selber zur Selbstständigkeit zu erziehen, wenn der Moment des Auszuges kommt?! Ich machte mir nicht nur Sorgen um die Gesundheit der flüggen Tochter, nö, plötzlich kamen so unspektakuläre Gedanken wie: Wäscht sie ihre Wäsche regelmäßig, klappt es mit dem Haushalt und bekommt sie ihre finanziellen Angelegenheit geregelt? Es gab auch gewisse Spannungen zwischen Mutter und Tochter! Eben weil es mir doch hin und wieder sehr schwer fiel, meine Tochter als toughe, eigenständige Frau zu sehen!

Bei dem nächsten Kind drehte ich den Spieß um! Ich zog aus meinem damaligen Haus aus und mit meinem Mann nach in eine andere Stadt! Mein Sohn blieb in dem elterlichen Haus wohnen und erprobte in gewohnter Umgebung die zukünftige Selbständigkeit! Eines kann ich nur sagen: die Kinder ziehen lassen ist wesentlich einfacher! Zu den o.g. Gedanken kam noch das schlechte Gewissen, ein “Kind” verlassen zu haben!

Vor etwas über einem Jahr feierte ich nun meinen 50. Geburtstag! Von meiner Tochter habe ich die liebevolle Rückmeldung bekommen, dass sie sich mir in einigen Dingen als Vorbild genommen hat. Vieles regelt sie in ihrem Leben so, wie ich es mache. Das hat mich unheimlich stolz gemacht!

Morgens nach der Geburtstagsfeier saßen wir alle wieder gemeinsam als komplette Familie am Frühstückstisch, sogar mit zukünftigem Schwiegersohn und Stiefenkel! Meine Kinder haben sich gefetzt wie sie es früher taten und das Gefühl zwischen den beiden hin und hergerissen zu sein, war auch wieder da! Und endlich hatte ich das Gefühl: So, ihr Lieben, jetzt könnt ihr auch wieder nach Hause fahren!

Jetzt mit einigem Abstand zu den eigenen Erziehungsaufgaben mache ich mir viele Gedanken um die Kinder von heute. Ich bin oft mit Kindern zusammen und ich arbeite in einem Krankenhaus, in dem junge Patienten behandelt werden. Einiges von ihren Nöten und Ängsten bekomme ich mit. Und fast jeden Tag ist in der Tageszeitung über den Bildungsstand bzw. -notstand und über Erziehungsprobleme der heutigen Jugend zu lesen. Mit Besorgnis bemerke ich, wie sich das Kindsein in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Vergleiche ich meine Kindheit mit der meiner Kinder und den heutigen Heranwachsenden ist eine rapide Veränderung im Verhaltensmuster unserer Sprösslinge zu verzeichnen. Vieles was mir negativ auffällt, schiebe ich auf die enormen Anforderungen der Schule und die Veränderung hinsichtlich ihrer Freizeit zur elektronischen Unterhaltung wie Fernsehen und PC u.a.. Mit welcher Intensität haben wir doch unsere Kindheit und Jugend erlebt. Die Welt stand uns offen und jeden Tag erwartete uns ein Abenteuer. Aber was wichtig war, man ließ uns die Welt erleben, ohne Druck, Zeitpläne und Zukunftspläne.

Ich bin sehr stolz auf unsere Kinder. Sie sind warmherzig und liebevoll, intelligent und verantwortungsbewusst und ich finde es toll wie sie ihr Leben meistern. Aber im Rückblick plagt mich oft das schlechte Gefühl, zuviel von meinen Kindern gefordert zu haben. Ein guter Schulabschluss war gleichbedeutend mit guter Erziehung! Ich glaube, dass sich viele Eltern über die Kinder definieren, wenn sie bildungstechnisch das erreicht haben, was im Grunde eigentlich die Eltern erreichen wollten. Ich selber habe oft zu den Kindern gesagt: “Wenn ihr einen guten Abschluss habt und eure Ausbildung abgeschlossen habt, dann könnt ihr das Leben genießen!” Was für ein Mist! Wie oft habe ich bei Klassenarbeiten die Fehler bewertet und die Kinder nicht für die richtigen Ergebnisse gelobt!

Zur Vorbereitung auf die weiterführende Schule besuchten die Kinder die Förderstufe. Im 5. und 6. Schuljahr wurde getestet, ich würde heute sagen: ausgesiebt und die Schwächsten letztendlich aussortiert. Als bei unserem Sohn damals eine chronische Erkrankung festgestellt wurde, empfahl uns die Lehrerin ihn nicht zum Gymnasium zu schicken, der Stress wäre zu groß für ihn! Nicht für alle Kinder ist dieses Lernen offenbar geeignet! Er ging trotzdem aufs Gymnasium und wir mussten feststellen, dass die Lehrerin Recht behielt! Grade das, was ich mir erhofft hatte, nämlich dass hier unter anderem auch moralische Werte, Geduld und Fantasie, ein harmonisches Miteinander vermittelt, gelebt und erlernt werden, fehlte hier völlig. Den Kindern wurde Wissen einstudiert, es wurde in sie hineingestopft, aber es blieb ihnen nur Zeit, das Wissen auswendig zu lernen und nicht es zu verinnerlichen oder zu verstehen! Das Ergebnis war ein Machtgerangel im Klassenverbund ohnegleichen!

Es ist wichtig, die Kinder darüber aufzuklären, dass das Leben von Ihnen später nicht nur grammatikalische Regeln und mathematische Formeln fordert! Die Werte der Liebe, nicht nur zu den Menschen, sondern auch zur Umwelt, das Verständnis für die Abläufe des Lebens werden zu oft beiseite gestellt und sind für die Zukunft unserer Kinder doch genauso bedeutend.

Mit dem Wissen von heute zurück in die Vergangenheit der Jugend meiner Kinder, das wäre mein Wunsch. Mitzuerleben, wie ich mir Zeit für sie nehme, ihnen vermittele, dass das Leben nicht nur aus Hetze, Wettbewerb, Machtkampf und Stress existiert und dass sie mir mehr bedeuten als die Summe guter Zeugnisse und bestandene Abschlüsse. Dass ihre Zukunft nicht nur aus Arbeit bis zur Rente besteht! Ich würde ausbrechen aus dem Mainstream und meinen Kindern das LEBEN LEHREN!

Die Schüler von heute, die mit dem neuen Bildungssystem z. T. völlig überfordert sind, die in ihrer Schulzeit schon an Krankheiten der Erwachsenen wie Migräne und Burn-out leiden, die gegen Ängste und Antriebslosigkeit jetzt schon Tabletten einnehmen, sind die Politiker, Ärzte und Führungskräfte von morgen! Hinter ihnen stehen ihre ehrgeizigen Eltern, die sie zu mehr Leistung antreiben. Und nicht nur die Eltern sind für Nöte der Schüler verantwortlich: es ist das unreflektierte Schulsystem, das erst durch die Pisa-Studie in dieser Form entstanden ist. Die Auswirkungen dieses Systems erfahren vor allem die Kinderärzte und Psychologen, offenbar weniger die Politiker. Mit welchem Recht nehmen wir den Kindern die Möglichkeit ein Kinderleben zu leben?!

Seit ein paar Wochen weiß ich nun, dass wir in diesem Sommer Großeltern werden. Ist das der Zeitpunkt, an dem wir Kinder rückhaltlos genießen können? Einfach die Zeit mit den Enkeln erleben, mit ihnen wachsen und sie begleiten, sie mit unendlicher Geduld auf das Leben vorbereiten, dabei jung bleiben und die Zeit vergessen?

Es wäre schön, wenn unsere Enkel später nicht nur Schulwissen von sich geben könnten und mathematische Formeln. Sie sollen den Menschen und die Natur kennenlernen und mit Vielfalt, Phantasie, Moral und Nachhaltigkeit miteinander kommunizieren und leben.

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17.3.2012

“Das Leben ist das, womit die wenigsten von uns den meisten das Gefühl geben, dass die wenigsten von uns das meiste daraus machen.” (W.V.O.Quine)

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DENKBAR an der Telgter Kulturspur

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10.3.2012

“Es gibt nicht nur geistigen, sondern auch sozialen Schwachsinn. Menschen, die andere schikanieren oder ausgrenzen, leiden daran.” (A. Illhardt)

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Anti-Nazi-Demonstration Münster 3.3.2012

Nehmen wir einmal an, die einzigen 300 bis 400 faschistisch gesinnten Männer und Frauen in Deutschland, also Menschen mit schlechter Kinderstube, üblem “Imaginationshintergrund” und ansonsten tiefergelegten kognitiven Fähigkeiten hätten sich entschlossen, am 3.3.2012 eine Kundgebung in Münster durchzuführen. Ich würde sagen: Leute, lasst sie ziehen, macht die Rollos runter und versucht Augenkontakt zu meiden, denn Nazisgucken ist von der Ästhetik her keine Sinnenfreude.

Da es aber eben nicht nur die einzigen 300 bis 400 faschistisch gesinnten Männer und Frauen in Deutschland waren, sondern das faschistoide Gedankengut in vielen Hunderttausenden von schrägen Bürgerköpfen herumwabert, hielten wir es für unsere Demokratenpflicht, gegen diese stinkige Eiterbeule im corpus democraticus zu protestieren. Sollte hier der Verfassungsschutz mitlesen: ja, ich verfüge über einschlägige Demo-Erfahrungen und nein, ich bin bisher nicht durch Gewalttätigkeit aufgefallen. Man hat mich lediglich gefilmt und ich hoffe, ich habe eine gute Figur gemacht.

Von einem Telgter Busunternehmen wurden wir kostenlos (Danke, Firma Bils) zum Ort des Geschehens gebracht – in unserem Fall zum „Checkpoint“ Hoher Heckenweg, Ecke Edelbach. Obschon der eigentliche Krisenherd ca. 500m entfernt lag, wurden die Demonstranten bereits hier von der eigentlichen Kundgebung abgehalten. In einem Zelt gab es Folkloristisches und Rednerisches und irgendwie fühlte man sich an alte Anti-Atombomben-Demos und Ostermärsche erinnert. Und dass ich das noch mal erleben durfte: Hannes Wader knödelt aus der Konserve. Irgendwie schien niemand der immer ungeduldiger werdenden Demonstranten zu verstehen, was die Festhaltetaktik für eine Bedeutung hat oder kurz ausgedrückt: Warum hier, wenn nicht da!? Die Polizistinnen und Polizisten, im Grunde ganz nette Zeitgenossen (unsere kamen aber auch zum Glück nicht aus Köln), zeigten sich von ihrer harte Seite, als wir keine Lust mehr auf dieses blöde Spiel hatten: Helme wurden aufgesetzt, Pfefferspray gezückt und berittene Kollegen herangepfiffen. Ruhig Brauner! Nach mehrstündiger eingehender Musterung der bunt gemischten Demotruppe hätte auch der letzte Polizeidepp herausfinden müssen, dass die gewaltbereiten Autonomen längst das Weite gesucht hatten. Denen war die Nummer „Warten auf Godot“ viel zu langweilig. Während unserer Anwesenheit wurden klammheimlich Redner der Rechten, sowie der Lautsprecherwagen für die braune Kundgebung mit Polizeischutz eingeschleust. Die Wut und das Unverständnis wuchs. Wir versuchten, diese Wagen zu blockieren, doch wir sind zu wenige und die Staatsmacht zu aggressiv. Sogar Zivilpolizisten erschienen plötzlich aus dem Nichts auf der Bildfläche. Einige Rempeleien, dann wieder Pferde, Pfefferspray und die anderen wilden Tricks. Ich schrie: Was soll das! Ein Polizist brüllte zurück: Meinst du, wir haben Spaß, das hier zu machen?

Nachdem wir stundenlang beweisen konnten, aufrechte und zudem hoch geduldige Demokraten zu sein, erwies man sich gnädig und ließ die mittlerweile arg dezimierte Gruppe der Gegendemonstranten weiter zum Ort des Geschehens.  Später wird Hubert Wimber, Polizeichef von Münster, ein hoffentlich bald ehemaliger Grüner, in zahlreiche Mikrofone säuseln, dass die Polizei den Gegendemonstranten die Möglichkeit eingeräumt habe, ihrem Protest Luft machen zu können. Sinngemäß! Diese Aussage kann für uns nicht gelten: Wir hatten diese Möglichkeit zu keinem Zeitpunkt! Warum hat man uns nicht gleich in die Rieselfelder gebracht? Apropos Rieseln: Immer wieder rieselten Infos durch: Ein durch die Polizei schwerverletzter Demonstrant, eine verhaftete parlamentarische Beobachterin von den Linken, sowie andere Festnahmen. Außerdem gibt es ein paar – übrigens vom eigenen Pfefferspray!!! verletzte Polizisten, was so ähnlich ist, als würden sich die Demonstranten mit ihren eigenen Transparenten aufspießen. Das Mitleid hielt sich in Maßen.

Inzwischen erreichten wir die nächste Absperrung; jetzt trennten uns keine 100m bis zum Kundgebungszug der Rechten, der auf dem Weg zu uns war. Ich wollte den Nazis entgegenschreien, dass sie verschwinden … sich verpissen sollen, dass niemand hier Lust auf sie hat, dass wir im Münsterland ein buntes Miteinander wünschen, dass sie zum Teufel gehen sollen. Wir brüllten das auch, aber was nun passierte, hebelte mein letztes demokratisches Verständnis komplett aus den Angeln: Es wurden gigantische, angsteinflößende Wasserwerfer positioniert. Die Kanonen wurden auf uns, also auch auf meine Frau und mich gerichtet. Ich verstand die Welt nicht mehr! War hier nicht irgendwas verkehrt? Merkten diese polizistischen Flachdenker nicht, dass hier keine Gewaltbereitschaft herrschte, sondern wir nur die Rechten vergraulen wollten? Meine Wut und die der anderen war inzwischen weniger auf die Rechtsradikalen gerichtet, sondern auf die Staatsradikalen.

Der 3.3.2012 war ein denkwürdiger Tag. Es war, wie schon erwähnt, nicht meine erste Demo, doch selten bin ich dermaßen frustriert und unzufrieden von einer solchen Veranstaltung nach Hause gefahren. Wäre ich ein junger Heißspund, ich würde mich angewidert von diesem Staat und seinem abstrusen Verständnis von Demokratie abwenden, da ich aber ein alter Heißspund bin, sehe ich diese Erfahrung als weitere Lektion, staatlichen Machenschaften weiterhin mit großer Skepsis, Vorsicht, Kritik und Gegenaktionen zu begegnen. Demokratie ist ein netter Versuch, aber ausbaufähig.

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DENKBAR an der Telgter Kulturspur

Jedes Wochenende ein Zitat/Spruch in unserem Küchenfenster an der Herrenstraße, der unter http://www.farasan.de/denkbar-an-der-telgter-kulturspur-2/2012-2/ kommentiert wird. Kritisches zu Zeitgeschehen, Politik oder Dingen, die uns beschäftigen.

3.3.2012

„Bildung macht präzise soziale Phantasie möglich…“
(Prof. Peter Bieri)

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DENKBAR an der Telgter Kulturspur

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25.2.2012

An seinem Ärger festzuhalten ist genauso wie eine glühende Kohle in die Hand zu nehmen, um sie nach jemandem zu werfen; du bist derjenige, der sich verbrennt. (Buddha)

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Wozu eigentlich Parteien?

Es gibt Selbstverständlichkeiten, die heißen so, weil sie keinen Zweifel an ihrer Berechtigung aufkommen lassen – sollen. Für den Fall einer Infragestellung gibt es eine Reihe von unerdenklichen Instanzen, die wiederum eine Reihe von Systemen aufgebaut haben, um jedes Nachfragen im Keim zu ersticken. Sonst wären es ja keine Selbstverständlichkeiten mehr, sondern Fraglichkeiten.

Eine dieser kuriosen Selbstverständlichkeiten ist die Existenz von Parteien, die sich nicht nur hier im durchpolitisierten Deutschland, sondern auch sonst wo auf Erden finden. Eine Partei ist ein wie auch immer organisiertes, teils auch unorganisiertes Konglomerat von Menschen, die … und jetzt mach ich es mir mal einfach und zitiere aus Wikipedia….”….danach streben, politische Macht und die entsprechenden Positionen zu besetzen, um ihre eigenen sachlichen oder ideellen Ziele zu verwirklichen und/oder persönliche Vorteile zu erlangen.” Diese Erklärung gefällt mir EHRLICH gesagt besser als die hochglanzpolierten Eigendarstellungen von Bundestag & Co, in denen es um Begriffe wie Mitwirkung an der politischen Willensbildung des Volkes oder verbürgte öffentliche Aufgaben geht. Also um Makulatur!

Stets wird nach irgendwelchen Wahlen von Wahlforschern resümiert, dass aufgrund der niedrigen Wahlbeteiligung eine Politikverdrossenheit im Lande herrsche. Ich würde es weniger als Politikverdrossenheit bezeichnen, sondern als Parteiverdrossenheit. Es wird nicht lange dauern, dann hängen sie wieder an den Pfosten, Laternen und Bäumen: Wahlplakate der jeweiligen Parteien: Sinnentleert, inhaltslos und trotz zum Teil buntschriller Designs farblos. Die Gesichter der vermeintlichen Volksvertreter ähneln sich wie Guppys im Zierfischaquarium und die mühselig zusammengeschraubten Parteiversprechen (die man aber mit Sicherheit nicht auf den Plakaten findet) heben sich nur unwesentlich von der angeblich bekämpften Gegenpartei ab: Schwarz rötelt, Rot driftet ins Schwarze ab, während Gelb verblasst und Grün vorzeitig ergraut ist. Seit über 30 Jahren habe ich das unsagbare Glück, meine Stimme einer solchen Partei geben, nein schenken zu dürfen, was mich unglaublich ehrt. Aber mit zunehmenden Alter und Einblick in das politische Theater fällt es mir immer schwerer, anstelle des Kreuzchens hinter der jeweiligen Partei, ein großes Kreuz quer über den Wahlzettel zu machen. Ich war immer ein braver Wähler und bin so gut wie nie fremd gegangen, doch immer mehr bin ich von der Überflüssig- und sogar Nutzlosigkeit von Parteien überzeugt.

Verfolgt man politische Prozesse, Vorkommnisse und Entwicklungen in der bundesdeutschen Parteienlandschaft – sagen wir in den letzten Monaten – , so fallen vor allem folgende Aspekte auf:

  • Die Parteiprogramme klingen nahezu identisch (nur ein bisschen verschwurbelter als die der jeweils zu bekämpfenden) und ehemals radikale Inhalte wurden auf soziale Erwünschtheit getrimmt.
  • Weiter scheint es in den politischen Bestrebungen nicht mehr um das Wohl des Volkes zu gehen, sondern vor allem um eine Profilierung des Erscheinungsbildes einer Partei oder um monetäre Bereicherungen, was zum Teil das gleiche ist.
  • Auch wenn es Übereinstimmung in der Meinung zu einer Sache gibt, so wird diese, anstatt sie in einer Zusammenarbeit voranzutreiben aus einer streng oppositionellen Haltung heraus aberkannt oder schlecht gemacht.
  • Die Politiker erfüllen nur rudimentär öffentliche Aufgaben; sie sind vor allem Handlanger von einflussreichen und z.T. korrupten Wirtschaftsmächten, in deren Auftrag sie am Bürger vorbeiregieren.
  • Geht es tatsächlich einmal um die Sache des Volkes, so sind es Bürgerinitiativen, Bürgerrechtsbewegungen oder parteiunabhänigige Zusammenschlüsse (z.B. Campact, Attac), die das Volk gegenüber den Volksvertretern vertreten und sich für wirkliche Veränderungen einsetzen.
  • Immer weniger Menschen entscheiden für und über immer mehr Menschen, was schlussendlich zu einer Machtkonzentration führt, was sich mit demokratischen Grundsätzen m.E. nicht mehr vereinen lässt. Wie kann es sein, dass ein teuer bezahlter Politiker gleichzeitig in zwei weiteren Vorständen sitzt? Ist er nicht ausgelastet?

„Wer sich nicht mit Politik befasst, hat die politische Parteinahme, die er sich ersparen möchte, bereits vollzogen: er dient der herrschenden Partei.“ (Max Frisch)

Ja gewiss, Politikerschelte ist eine Art Volkssport, dabei bekommen die größten Motzbrocken selbst ihr feistes, vom vielen TV-Glotzen dekubitiertes Gesäß nicht aus dem Sofa, um auch nur ein klein bisschen zum Allgemeinwohl beizutragen. Wesentlich wichtiger scheint es zu sein, welcher Kandidat bei der nächsten Wurm- und Wanzenshow ins Rennen geschickt wird. Wenn ich mich, wie in diesem Artikel, über Parteien echauffiere, so geschieht dies nicht aus einer Motzlaune, einer wie auch immer gearteten Deprivation oder einem Sozialneid heraus, sondern ist von der Überzeugung getragen, das eine Überarbeitung oder vielmehr komplette Erneuerung des momentan existierenden, desolaten und völlig undurchschaubaren Politsystems und seiner ehemals demokratischen Spielregeln eine dringende Aufgabe des Volkes darstellt. Ich frage mich allen Ernstes: Warum brauchen wir überhaupt Parteien? Wie können Personen, die selbst im Schulsystem nicht involviert sind, über Bildungsprogramme entscheiden? Wie ist es möglich, dass unkreative und einfallslose Politstrolche städtbauliche oder kulturelle Veränderungen planen? Wie kann ein Abgeordneter, der über inzwischen mehr als 10.000Euro Einkommen verfügt, das Schicksal von Mindestlohnempfängern oder Arbeitslosen bestimmen? Wie lässt es sich vereinbaren, dass jemand, der eine chronische Krankheit nur aus der Apothekerrundschau kennt, die Gesundheitsfürsorge von Kranken, Behinderten oder sonst wie Benachteiligten regelt?

Vor allem durch die zahlreichen Gruppierungen, die ohne Machtausübung, Herrschaft, Hierarchiegefüge, Kontrolle und Vereinheitlichung auskommen, sondern vielmehr durch Klugheit, Besonnenheit, Toleranz, Selbstorganisation, Erkenntnis und ethische Reife glänzen, wird immer wieder deutlich, wie überflüssig Parteien geworden sind. Warum gibt es statt dessen nicht Zirkel oder Räte, die durch fachlich versierte Bürger und Professionelle besetzt sind und an der Sache arbeiten, anstatt Parteifahnen bis zur Schulterlähmung zu schwingen und sich in unsinnigen Parteiselbstfindungsdebatten um sich selbst zu drehen. Es ist kein Automatismus, dass das, was durch eine Partei vorangetrieben wird, stets von den jeweiligen Wählern dieser Partei so gewollt war (warum gäbe es sonst Initiativen?). Stimmt, die Überlegungen haben etwas anarchistisches. Wie sagte Proudhon:

“Perfekt ist die Gesellschaft, die Ordnung mit Anarchie verbindet…”

und solche Gesellschaften fangen im Kleinen an. Schließen möchte ich mit Goethe, auf den der Verfassungsschutz sicherlich auch schon seit Jahren!!! ein Auge hat:

Ich hasse alle Pfuscherei wie die Sünde, besonders aber die Pfuscherei in Staatsangelegenheiten, woraus für Tausende und Millionen nichts als Unheil hervorgeht.

 

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DENKBAR an der Telgter Kulturspur

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18.2.2012

 „An Karneval maskiert man sich, damit man die Maske fallen lassen kann.“ (Gerhard Uhlenbruck)

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Heimat – nur ein territorialer Begriff?

                                         von Marion Illhardt

Im Jahr 2006 verlebten mein Mann und ich einen wunderschönen Urlaub in Kroatien, der für uns hätte nie enden brauchen. Nun mag ein jeder sagen, im Urlaub ist es immer schön und Urlaub ist immer etwas Besonderes, aber die erLEBte Zeit dort war rundum stimmig und harmonisch. Wir haben dort gelebt im Sinne von AUFGELEBT.

In mein Tagebuch schrieb ich am letzten Tag unseres Aufenthaltes: “Nun geht es zurück in die Heimat!” Bei meinen Recherchen für meinen Reisebericht über Kroatien kam dieses Gefühl von Unverständnis wieder hoch, was mich damals bewogen hat, diesen Satz mit Traurigkeit zu schreiben. Heimat? Was ist das? Was bedeutete das für mich?

Als Kind der letzten Hälfte des 20. Jh. macht man sich über den Begriff “Heimat” keine Gedanken. Die Tage waren zumeist ausgefüllt mit Sorglosigkeit, das Leben war schön, ich hatte tolle Eltern, eine große Verwandtschaft, Freunde und lebte außerhalb der Stadt Lünen schon fast auf dem Land, Richtung Münsterland. Als ich älter wurde und auf das heiratsfähige Alter zuging, war es für mich selbstverständlich, dass ich diesen Ort niemals verlassen würde.

Ich zog weit weg! An die 600 km trennten mich von meiner damaligen Heimat und ich fand meinen neuen Wohnort und mein neues Leben so schön und aufregend, dass ich gedankenlos und, leider auch verletzend, verkündete, ich würde niemals wieder zurückkehren. Die Welt war so spannend geworden. Diese Welt wollte mich nur für drei kurze Jahre, dann bescherte uns der Beruf meines damaligen Mannes eine neue Heimat. Unsere kleine Familie wuchs und ich war mit Erziehung und unserem kleinen Haus vollkommen ausgelastet, so dass das Umfeld “Heimat” für mich schrumpfte und auf unsere Straße bis zum Kindergarten, Einkaufsmarkt und Kinderarzt begrenzt war. Immerhin waren es nun acht Jahre, danach spuckte die Lotterie des Lebens einen neuen Lebensmittelpunkt aus!

Der neue Standort meines Lebens erwies sich als der trostloseste Punkt auf meinem Lebensatlas. Meine Kinder wuchsen hier auf, meine Ehe ging in die Brüche und als ich schon nicht mehr an einen “sicheren Hort für meine Seele” glaubte, traf ich meinen jetzigen Mann.

Für mich bedeutet Heimat auch der Ort an dem die Familie lebt. Nicht die Familie im ganzen Sinne, ausgedehnt auf Onkel, Tanten und Cousinen, sondern die eigene Familie vollgepackt mit Gefühl und Liebe. Meine eigenen Eltern hatten ihren sicheren Platz in ihrem Leben mir zuliebe aufgegeben und sind nach vielen Jahren in meine Nähe gezogen. Erst heute weiß ich um ihren Kummer, die damalige Heimat verlassen zu haben. Da meine “Liebe” viele Kilometer entfernt wohnte und arbeitete, bedeutete es für uns über viele Jahre hinweg eine Wochenend-Ehe zu führen, bis die Kinder flügge wurden und ihrerseits nun das Elternhaus verließen.

Es war eine sehr schwere Zeit; das Wort “Heimweh” bekam ein neues Ausmaß und eine neue Begrifflichkeit! Dieses Gefühl füllte fast eine Woche aus. Nach so vielen Jahren nach meinem Aufbruch ins Leben verstand ich nun endlich den Begriff “Heimat”. Ich hatte eine Heimat ständig in meinem Herzen, das war die Liebe für meine Kinder. Und ich hatte das Territorium, das war der Ort, an dem mein Mann lebte und wo ich jetzt leben darf. Kurioserweise im Münsterland!

Im einfachem Sinne bedeutet Heimat der Ort, an dem man geboren wird und aufwächst. In früherer Zeit bedeutete es, dass hier die Familie gegründet wurde und man letztendlich auch sein Grab fand. Nach Gerhard Handschuh ist Heimat etwas, was man vierdimensional verstehen kann. Da ist zum einen der räumliche Faktor, der Ort an dem ich geboren werde, aufwachse, lebe und sterbe. Das erfüllt dann auch über viele Jahre hinweg die zweite Dimension, die Zeit. Die Menschen, Freunde und Familie, die hier leben und mit denen ich einen regen sozialen und liebevollen Umgang pflege und der kulturelle Aspekt u.a verwurzelt in der Tradition und im Brauchtum,  vervollständigen den Begriff Heimat. Diese vier Grundelemente sind untrennbar mit der Definition Heimat verbunden.

Es fällt auf, dass der Begriff “Heimat” erst besonderen Wert erhält, je mehr Gefahr besteht, die Heimat zu verlieren oder man sie tatsächlich verloren hat, man denke an die vielen Flüchtlinge im 2. Weltkrieg. Für sie war der Verlust der Heimat zum alles beherrschenden Gedanken geworden, der sich in Gründung von Verbänden, Vereinen und Heimatliedern manifestiert hat. Viele ältere Erwachsene denken bei Heimat in erster Linie an eine unbeschwerte “paradiesische” Kindheit, behütet und beschützt im kleinen überschaubaren Dorf, in dem die Tradition gepflegt wurde und die man verlassen musste durch Heirat oder Vertreibung oder Umsiedlung.

Was ist passiert, dass der Begriff “Heimat” nicht mehr den gleichen Stellenwert besitzt wie noch vor ca. 50 oder 60 Jahren? Was verbindet man mit der Vorstellung Heimat? Schon das Wort allein ist konservativ belegt und spontan fällt mir dazu der Ausdruck “Vaterland” ein. Heimat hat eine nur positive Besetzung und setzt man dem Begriff “Heimat” den Gegensatz = “Fremde” entgegen und dem Begriff “Vaterland” = “Feindesland” so kommen Erinnerungen an Marschmusik und Bilder der Aggression gegen fremde und andersdenkende Menschen hoch, sei es in der heutigen Zeit oder zur Zeit des 2. Weltkrieges.

Den Begriff “Heimat” umschließt eine nostalgische Aura, ursprünglich im bäuerlichen Bereich angegliedert, bedeutete Heimat nicht nur der Ort, an dem ich lebe und sterbe, hier wurde mir auch Schutz und Recht durch Geburt und Heirat gewährt. Hier erlebt der Mensch seine ersten Sozialisationserlebnisse, gute oder schlechte Beziehungen zu anderen Individuen. Im neuen 21. Jh besteht die Heimat nicht mehr aus der Dorfidylle, sie greift nun über in die Großstadt, mit ihren Ballungsräumen und Industriezentren. Kaum jemand bleibt seinem Geburtsort noch so verbunden wie noch zu Beginn des 20. Jh. Die stetig wachsende Wirtschaft erfordert es, dass die Menschen sich dem anpassen, ihre Sesshaftigkeit aufgeben, sich woanders einrichten und versuchen, sich eine neue “Heimat” zu erschaffen. Die junge Generation, die von Job zu Job wandert, sieht in Heimat etwas altbackenes und behauptet selbstbewusst: “Heimat ist da, wo ich gerade bin!”

Trotz allem verbindet die Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Beständigkeit und Tradition, nach wiederkehrenden Ritualen und Geborgenheit und viele zieht es nach mehreren Jahren  wieder zurück, dorthin wo ihre Wurzeln sind. Auch wenn Multikulti, Grenzen- und Bindungslosigkeit heute “in” sind, stellt man sich in sentimentalen Augenblicken wohl doch die Frage: “Bin ich hier angekommen, ist das der für mich richtige Platz und kann er mir Heimat werden?”

Schlussendlich stelle ich mir die Frage auch: Was ist mir denn jetzt Heimat? Ist es der Ort an dem ich geboren wurde und aufwuchs? Oder habe ich nun hier meine Heimat gefunden? Für mich ist Heimat nun der Ort hier. Der Ort, an dem meine Seele zur Ruhe gekommen ist, wo ich tief durchatmen kann und ich mich jeden Tag aufs Neue, immer und immer wieder, freue zu leben. Der Ort, an dem ich auch nach wunderschönen Urlauben gerne nach Hause komme, an dem ich mit lieb gewordenen Menschen durch die Straßen gehe, den wunderschönen Marktplatz, unseren Fluss und immer wiederkehrende Begegnungen genieße.

Und braucht der Mensch nun “Heimat”? Ja, die braucht er! Und übrigens:

Das Wort Heimat findet man nicht im Plural!

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Reisen von Sinnen

von Marion Illhardt

3. Reise

Kroatien 15.06. – 01.07.2006                                                

Senj – Trogir – Split – Hvar – Plitvicer Seen – Graz (Österreich)                           

Vor vielen Jahren hörte ich schon, dass Kroatien ein sehr schönes Urlaubsland sein soll. Durch den ab 1991ausbrechenden Krieg, der durch die Unabhängigkeitserklärungen von Slowenien und Kroatien ausgelöst wurde, verlor dieses wunderschöne Land allerdings seine Attraktivität. Viele Jahre tobte hier eine unvorstellbare Grausamkeit und tausende Menschen verloren ihr Zuhause, Familien wurden zerstört und Menschenleben vernichtet.

Nur mühsam erholte sich diese Urlaubsregion und als wir 2006 ein südliches Ziel für unseren Sommerurlaub suchten, empfanden wir es noch als sehr aufregend dorthin zu fahren. Unsere Vorstellung war: südlich warm, ein sauberes kristallklares Meer, schöne Landschaften, möglichst wenige Touristen und natürlich Kultur. Leider mussten wir das alles auch noch unter einem finanziellen Aspekt betrachten. Aber in Zeiten von Google war diese Kombination kein Problem und die Höllenmaschine spuckte uns die Lösung Kroatien aus. In unserem Bücherregal stehen sehr viele unterschiedliche Reiseführer, mittlerweile finden wir Baedeker und Müller am besten. Wir stellten uns eine kleine Rundreise vor, quer durch Kroatien, mit Schwerpunkt Küste, also Dalmatien, und durch das Inland wieder zurück.

Unseren Urlaub planen wir immer generalstabsmäßig. Es ist nie eine Hauruck-Entscheidung, sondern wir suchen uns die Rosinen wohlüberlegt aus. Unsere Ziele müssen pittoresk bis romantisch, die Landschaften wild, berauschend sein und die Orte unseren Geist in einem besonderen Maße anregen. Keine leichte Aufgabe, wir sind sehr wählerisch. Aber nach eingehender Lektüre kam für uns nur eine Insel in Frage: Hvar!

Über Österreich und Slowenien erreicht man das abwechslungsreiche Land Kroatien. Langgezogen liegt es zwischen dem Meer, Slowenien im Norden und Bosnien-Herzegowina im Osten und im Süden. Unser eigentliches Ziel, die Insel Hvar gehört zur Region Dalmatien und liegt Pi mal Daumen auf der Höhe zwischen Split und Dubrovnik. Ihre wildromantische Küste, der Duft nach Lavendel (deswegen wird sie auch Lavendelinsel genannt), Salbei und Rosmarin, der im Sommer über der Insel liegt, die Weinberge, die zahlreichen Olivenhaine, die üppige Vegetation sowie die vielen historischen Sehenswürdigkeiten sollen die Insel zu den schönsten auf der Welt machen. Zumindest aber zählte die britische Zeitung “Traveller”Hvar zu den 10 schönsten Inseln der Welt. Urlaub auf Hvar bedeutet ein sehr abwechslungsreicher Urlaub. Die Insel bietet neben dem Wassersport auch sehr viele Wanderrouten und auch Mountainbiking ist hier begrenzt möglich.

Der Hinweg:

Die Fahrt durch das slowenische Inland war anstrengend, da nicht sehr interessant und sehr heiß. Ich vergleiche die Gegend mit einer Autobahnanreise durch die Emilia Romagna in Italien. Kurz hinter der österreichischen Grenze ist Slowenien noch gebirgig, wird dann aber zunehmend flacher. Was uns allerdings sehr überrascht hat, ist die unglaubliche Perfektion der Autobahnen in Slowenien als auch in Kroatien, hier hat der Wiederaufbau und die Gelder aus diversen Töpfen ganze Arbeit geleistet. Fährt man von der AB aber ab und benutzt Landstraßen sieht man noch sehr häufig die Auswirkungen des Krieges. Niedergebrannte Häuser und offensichtliche Schulen, Spuren von Bomben und Gewehrfeuer an den Ruinen. Viele Kreuze am Wegesrand zeugen zudem von den vielen Opfern und Gräueltaten der verfeindeten Gruppen.

Kaum merkbar ist der Übergang nach Kroatien. Hält man aber an und will etwas kaufen bzw. tanken steht man vor einem Problem. In Kroatien bezahlt man mit anderer Währung, mit Kuna und Lipa, was sich demnächst ändern soll. Je weiter wir Richtung Küste kamen um so schöner und gebirgiger wurde das Land. Am Nachmittag verließen wir die Autobahn und fuhren zur Küste nach Crikvenica um Meerluft zu atmen und Kaffee zu trinken.

Senj

Bis zu unserer ersten Station Senj war es nun nicht mehr ganz so weit und wir fuhren die letzten Kilometer die Küstenstraße entlang. Was für ein grandioser Anblick! Die Sonne und das glitzernde Meer entschädigten uns für die anstrengende Anreise. Schließlich war unser Wohnmobil “Cali” nicht mehr das jüngste und bei Steigungen konnten wir uns vor kochendem Motor nur retten, in dem wir die Heizung anschalten mussten. Da half dann nur: Füße aus dem Fenster hängen. Aber bitte nur auf der Beifahrerseite. Alles andere wäre unpraktisch, da lebensgefährlich. In der Nähe von Senj peilten wir einen ganz bestimmten kleinen Campingplatz an, der uns von einer befreundeten Kollegin empfohlen wurde. Es dauerte eine Zeit, und wir hatten uns auch hier zum ersten Mal etwas verfahren, bis wir den winzigen Platz tief unter uns direkt am Strand erblickten. Er bot allerhöchstens Platz für 10 Wohnwagen, die bunt durcheinander unter Feigen- und Olivenbäumen standen. Ja, so hatten wir es uns vorgestellt. Das Abenteuer konnte beginnen. Und das auch schon gleich am ersten Abend, denn eine Speisekarte suchten wir vergebens im “Restaurant”. Hier kochte die Mutter! Und der Chef des ganzen präsentierte uns als Aperitif und natürlich auch als Digestif seinen selbstgebrannten Slivovic. Die Fischplatte war köstlich, der Fisch schwamm morgens noch im Meer und abends in uns in einem Gemisch aus wunderbarem Rotwein und Slivovic! Die Sonne versank im Meer und das Leben war ein Traum!

Trogir

Nach zwei Tagen weinseligen Lebens brachen wir mit einem weinenden und einem lachenden Auge unsere Zelte ab. Es ging Richtung Split, um von dort mit der Fähre zu unserem Ziel: Hvar zu gelangen! Zwischen unserem Platz in Senj und Split liegt die hübsche kleine Stadt Trogir. Laut unserem Reiseführer eine Stadt mit mittelalterlichem Flair. Sonne, blaues Meer und Entspannung ist uns im Urlaub natürlich sehr wichtig, aber genauso wichtig ist es für uns auch Land und Leute und deren Kultur kennenzulernen. Ein Ausflug in diese Stadt ist lohnenswert: die Häuser stammen aus dem 13.- 17. Jahrhundert und sind richtig gut erhalten. Jedes Gebäude erzählt seine eigene Geschichte, fast an jedem Haus finden sich Wappen bzw. Spuren, die von der Familie oder dem Erbauer künden. Die Straßen sind schmal und die Bepflasterung erschien mir wie blankpolierter Marmor, Trogir ist für sich ein riesiges lebendiges Museum, ein Spaziergang durch diese Stadt ist wie wandeln in der Vergangenheit. 1997 wurde Trogir zum Weltkulturerbe erklärt.

Split

Da wir keine Meister der kroatischen Sprache sind, fiel es uns ein wenig schwer der Beschilderung zu folgen. Das war jetzt maßlos untertrieben, denn hilflos trieben wir  durch Split, auf der Suche nach einem Campingplatz, der hier irgendwo verborgen war. Auch die beste Kartenlesern (nämlich ich!) gibt irgendwann auf und so fuhren wir eine kurze Strecke aus Split heraus, in der Hoffnung eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden, denn die Fährefuhr erst am nächsten Tag. Leider blieb uns daher nicht mehr so viel Zeit für Split. Unser Glück hatte uns nicht ganz verlassen, kurz hinter Split fanden wir den sonderbarsten Campingplatz unserer gesamten Urlaubsjahre. Eine Einfahrt führte hinab in einen ehemaligen Gemüsegarten, es hätte aber auch der hauseigene Schrottplatz sein können. Eine alte Dame bewirtschaftete diesen Platz und hatte ihn unerklärlicherweise mit Militärschrott geschmückt. Der Platz, zwischendurch waren noch Wäscheleinen der Hausbewohner gespannt, wurde durch Strohmatten, die auf einem Drahtgeflecht lagen, vor der Sonne geschützt. Da der kleine Ort hoch über Split lag, hatten wir aber einen fantastischen Blick über das Meer und den Hafen!

Split ist die zweitgrößte Stadt in Kroatien und, da man von hier alle Inseln im mittleren und südlichen Teil der Adria erreichen kann, auch ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt an der Küste. Kommt man mit dem Auto nach Split rein wird man von Wohnsilos empfangen, was leider sehr deprimierend wirkt. Der Fährhafen ist leicht zu finden, Parkplätze sind dort reichlich vorhanden, um die Wartezeiten für die Beladung der Fähren abzuwarten. Vom Hafen überquert man die elegante Uferpromenade und ist auch schon gleich in der Altstadt rund um den alten Diokletianpalast, in dessen Mauern die Altstadt entstanden ist. Split ist sehr beliebt bei den Touristen, das merkt man daran, dass sehr viele hochgereckte Regenschirme (Kennzeichen der Fremdenführer!) unterwegs waren. Die zum Teil sehr gut erhaltenen, schönen alten Häuser und Paläste wurden dementsprechend belagert, einen freien Platz im Cafe suchten wir vergebens und so mischten wir uns unter die Einheimischen und setzten uns in einen Wochenmarktausschank und genossen dort das quirlige Leben bis es Zeit war, unser Auto zu besteigen und die Insel Hvar zu erobern!

Hvar

Hvar! Kurz war die Überfahrt nur, schon bald kamen die Insel und der Fährhafen Stari Grad in Sichtweite. Das wichtigste für uns war zuerst einen netten kleinen Campingplatz zu finden, bisher hatten wir Glück und konnten die großen Plätze meiden, die oft sehr unruhig und unschön waren. Aber es war kein leichtes Unterfangen, auch hier machten sich die riesigen Plätze breit, auf denen Supermärkte, Discos und Animateure ihre Schäfchen anlockten. Uns war eher nach Ruhe, Schönheit und Abgeschiedenheit. Kurz vor dem Aufgeben sahen wir ein kleines, leicht angerostetes Schild “Autocamp”. Der Weg führte durch die Pampa, Staub wirbelte hoch und wir vermuteten uns am Ende der Welt irgendwo im Wilden Westen. Hier war keine Stadt verzeichnet, auf der Karte konnte wir noch nicht mal ein Dorf erkennen. Vielleicht eine Handvoll Häuser standen am Ende der Piste, ein befestigter Weg, grade breit genug für unser Wohnmobil führte steil hinab und vor uns tat sich eine kleine überschaubare und paradiesische Bucht auf, drei Zelte standen hier, es war der kleinste Campingplatz, den wir je gesehen hatten und der Schönste!

Kristallklares türkisblaues Wasser umschließt die Insel, die mit einem lilafarbenen Teppich bedeckt war. Wir waren zum richtigen Zeitpunkt auf der Insel, der Lavendel und der Rosmarin blühten und sie verströmten einen herrlichen Duft. Eine Fahrt über der Insel war wie ein Farb- und Duftrausch, ein Drogenrausch der natürlichen Art. In den Felsen am Strand zu hocken war pure Meditation, von unserem Sitzplatz konnten wir die Fische beobachten, von Ferne sahen wir Delphine und bei näherem Hinsehen bemerkten wir auch den Kraken, der wiederum uns beobachtete.

Hvar hat mehr zu bieten als eine wilde romantische Landschaft und eine zauberhafte Küste. Zwei Orte möchte ich auf jeden Fall hier erwähnen: die “Hauptstadt” Hvar und Stari Grad.

Hvar ist einer der schönsten Anziehungspunkte der Insel. Hoch über der Altstadt thront die alte Festung Spanjola aus dem 15. Jh. Von hier aus hat man einen tollen Ausblick über die darunter liegende pittoreske Altstadt, den Hafen und die vorgelagerten kleinen Inseln. Der noch hervorragend erhaltene Palast der Familie Hektorovic’, die Stadtloggia, die Kathedrale Sv Stjepan und viele andere Adelspaläste zeugen von der bedeutenden Vergangenheit der Insel. Heute gilt Hvar als mondäner Ort, zahlreiche betuchte Gäste kamen schon Anfang des 20. Jh hierher. Immer noch ist die Stadt einer der beliebtesten Ferienorte an der mitteldalmatischen Küste. Rund um das Hafenbecken kann man schnittige Yachten bewundern und elegante Hotels, Restaurant, Bars und Cafes haben sich hier angesiedelt. Aber trotz der quirligen, überall vorhandenen Touristen, hat Hvar eine Atmosphäre beibehalten die uns an einen lateinischen Ausspruch erinnert: Carpe Diem! Das ist auch der Name einer Bar gewesen, die uns unwiderstehlich anzog. Mit arabischen alten Sitzmöbeln ausgestattet, die dick mit Kissen belegt waren, konnte man hier auf einer überdachten Terrasse sitzen, die Aussicht, die Sonne, die Wärme, das Meer, den Rotwein, die Liebe und das Leben genießen!

Die nachfolgende Geschichte fanden wir auf einer Tischkarte in besagter Bar “Carpe Diem”. In den Wochen und Monaten vor diesem Urlaub lag uns das Thema unserer jeweiligen Vergangenheit und deren Aufarbeitung sehr am Herzen. Hatten wir beide doch auch sehr dunkle Momente in unserem Leben erfahren. Doch nun kam die Zeit in der wir uns wieder, und Hvar ist nicht ganz unschuldig daran, den hellen Seiten des Lebens zuwenden wollten. Das Thema des Textes war der Beginn unserer Vorliebe für die Philosophie und speziell die Frage: Wie wollen wir leben und leben wir jetzt das Leben, das wir immer leben wollten? Und wie können wir es erreichen, dieses Leben?

One day, a long time ago the following question surfaced:

Which is the greatest day of all?

The day, the French Revolution broke out? The day, the first atomic bomb was fired? The day, the newspapers headline reported over tragedies and sensational crimes. After discussing and thinking for a long time the members came to a result, which surprised many: they awarded the day, where people experienced and spread pleasure and joy, where they had time to feel free and happy, to relax and to start a new beginning, time for love

When ist that day?

One of the members asked. The question remained without response until someone had the ingenious idea, this day is TODAY!

And it will always return to earth, when there are people, who decide to live for the moment and to derive from it!

Stari Grad ist ein pittoreskes kleines Fischerstädtchen mit nur 1700 Einwohnern (Stand 2004), in dem auch die Familie Hektorovic ihre Spuren hinterlassen hat, der Landsitz der Familie ist einer der Hauptsehenswürdigkeiten des Städtchens. Nicht ganz so lebendig und mondän wie Hvar entbehrt es dennoch nicht eines gewissen Charmes. Vor allem an der Uferpromenade und in den kleinen Gassen zeigt sich der unbedingte Vorteil gegenüber Hvar, alles ist hier etwas beschaulicher, familiärer und gemütlicher. In Erinnerung blieb mir ein sehr schöner kleiner Antiquitätenladen in der Nähe der Post.

Der kleine Ort oder vielleicht doch nur die Siedlung Humac soll sehr schön sein. Leider habe ich nur in diversen Berichten über Humac gelesen, wir konnten ihn uns nicht anschauen, die Zufahrt zum Ort bzw. zu dem Platz, der als Anfang einer Wanderstrecke angegeben wurde, war uns verwehrt, da die Straße durch einen Tunnel führte, der uns das Dach unseres Wohnmobiles abrasiert hätte. Aber nichtsdestotrotz, ich gebe es mal an dieser Stelle weiter, wer die Möglichkeit hat, sollte sich Humac unbedingt anschauen.

Auch der schönste Urlaub geht irgendwann zu Ende. Diesmal traf es uns direkt in unsererSeele, nie haben wir bisher eine so lockere Atmosphäre genießen können, nie haben wir so nach dem Motto “Carpe Diem” leben können wie auf Hvar! Nie haben wir das Leben und die Liebe so intensiv erlebt wie auf dieser Insel. Nie habe ich an einem Urlaubsort eine so erotische Atmosphäre erlebt wir hier! Ich glaube, dass diese Insel durch seine Leichtigkeit die verborgenen guten Werte in uns, dem Menschen, offenlegt.

Die Rückfahrt:

Nein, so leicht konnten wir uns nicht von diesem Land Kroatien trennen. Wer schwärmte als Kind nicht von Winnetou, Old Shatterhand und andere Karl-May-Verfilmungen? Hier und jetzt hatten wir die Möglichkeit uns die Originalschauplätze der Filme anzusehen. Die Plitvicer Seen liegen in der Karstlandschaft Kroatiens in unmittelbarer Nähe Bosnien-Herzegowinas. die ganz stark an die Landschaft Nordamerikas erinnert und somit prädestiniert war für die Karl-May-Filme. Wie anfangs beschrieben, sahen wir auch hier die Spuren des Jahre währenden Krieges, es war eine bedrückende Fahrt durch diese überwältigende Landschaft. Seit 1949 haben die Plitvicer Seen den Status eines Nationalparkes, der der älteste in ganz Südosteuropa ist. Der Park wurde wegen seiner Einmaligkeit als einer der ersten Orte in die Liste der UNESCO Weltnaturerbe eingetragen.

Die Seen liegen kaskadenförmig, an einigen Wasserfällen wurde der Film “Der Schatz im Silbersee” gedreht. Die Gegend besticht durch seine enorme Vielfalt an Flora und Fauna, das Farbenspektrum an Grün und Blau ist berauschend und zwingt einen in irgendeiner Form zur kreativen Nachahmung. Aber in keinem Urlaub, den wir bisher erleben durften, habe ich solche Menschenmassen gesehen und erlebt, nicht einmal auf Mont Saint Michel. Unbeschwert diese außergewöhnliche Naturschönheit zu genießen war uns nicht gegönnt, Menschenmassen wälzten sich durch die sehr schön angelegten Wege, Sprachen aller Welt waren zu hören und die obligatorischen Schirme stachen in die Luft. Es war, um einmal für die Natur zu sprechen, entwürdigend und beschämend mit anzusehen, wie sich Menschen an der Natur vergehen!

Kroatien, wir kommen wieder!

Graz

Unsere erste Station auf dem endgültigen Heimweg war Graz. Hier wollten wir uns noch einmal in die Kunstszene begeben und hatten zwei Tage dafür reserviert. Doch schon am ersten Abend, wir hatten gerade einen Campingplatz gefunden, gewitterte es und an einen Abstecher in die unmittelbare Gegend war nicht mehr zu denken. Graz wurde von einem sehr heftigen Unwetter heimgesucht, der Campingplatz wurde überflutet und herab fallende Äste und umstürzende Bäume hatten mehrere Wohnwagen und Zelte zerstört. Nur wir standen frei und auf einer kleiner Anhöhe, um uns herum sprudelte das Wasser, es stand uns bis zum Einstieg aber wir blieben verschont. Arnold erwies sich mit anderen Gästen als Retter in der Not und half einigen Bikern ihre Habseligkeiten zu retten. Das Unwetter blieb Graz erhalten und so flüchteten wir aus dieser wohl sehr schönen österreichischen Stadt und fuhren gen Heimat!

Aber was ist Heimat?! Das ist ein anderes Thema!

Wir sehen uns wieder! In der Toskana!

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Was eigentlich ist Niveau?

von Marion Illhardt 

Bei einer Diskussion mit einem finanziellen Hintergrund bemerkte ich vor ein paar Wochen etwas gereizt: “Das finde ich zu niveaulos!” Daraufhin reagierte mein Gegenpart anders als ich es erwartete: Er lenkte nicht ein oder war peinlich berührt, sondern meinte abschließend, dass jeder sein Niveau selber definieren würde.

Okay, so weit so gut bzw. schlecht, denn danach war eine niveauvolle Auseinandersetzung nicht mehr möglich! So eine unangenehme Sache – und dann noch vor Weihnachten – trübt die Stimmung und der Begriff “niveauvoll” ließ mich nicht mehr los. Es wurde ein Thema bei uns und ich entschloss mich über Niveau zu recherchieren.

Gibt man Niveau bei Google ein, so erscheint fast an erster Stelle “Niveau ist keine Hautcreme”. Dringt man weiter in diese Foren ein, so merkt man ganz schnell, dass jeder diesen Begriff anders definiert. In einem Fremdwörterlexikon fand ich folgende Erklärung: Rang, Stufe, (Bildungs-) Stand; kein Niveau haben: auf niedriger geistiger Höhe stehen, geistig anspruchslos sein. Richtig einverstanden war ich mit dieser, meines Erachtens unvollständigen Bestimmung nicht.

Bei Wikipedia war zu lesen: Das Niveau ist im Allgemeinen im übertragenen wie physischen Sinn eine Menge gleicher Höhe bzw. eine Ebene oder Skalenstufe.

Also absolute Fehlanzeige für meine Suche. In einem anderen Link fand ich eine etwas ausführlichere Deutung: Niveau ist in bestimmten Synonymgruppen, wie im persönlichen Format, im Charakter, im Benehmen, im Ansehen und der persönlichen Stufe zu finden. Und zu jeder Begriffseinheit gehören wiederum die unterschiedlichsten Synonyme. Zu der Gruppe Charakter gehört z.B. Ehre, Stärke und Haltung. Beim Benehmen fand ich: Betragen, Feingefühl, Gebaren, Höflichkeit, Manieren und Anstand. Dann gab es u.a. noch die Gruppe Ansehen mit der Ehre und, ich möchte jetzt nicht alle 130 Synonyme aufzählen, die Sinnverwandtschaften Persönlichkeit und Profil in der Gruppe Format.

Und mit diesen Erklärungen gingen meine eigenen Vorstellungen des Begriffes “Niveau”  konform. Aber inwieweit nun jeder Einzelne diese Werte in Anspruch nimmt oder von Anderen erwartet, ja das ist wieder relativ!

Niveau ist nicht angeboren. Die Werte werden durch Erziehung der Eltern bzw. Großeltern oder durch meine Fähigkeit der Anpassung in einer Gruppe von Interaktionspartnern (z.B. Freunde oder Kollegen) und/oder Vorbildern vermittelt. Der französische Politiker und Historiker Alexis de Tocqueville brachte mit folgendem Zitat meine Vorstellungen des Begriffes auf den Punkt:

Der Mensch bleibt in kritischen Situationen selten auf seinem gewohnten Niveau. Er hebt sich darüber oder sinkt darunter.”

Ich denk dran. Bei der nächsten Diskussion!

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Der dentale Feinkostladen

Mal abgesehen davon, dass Arztbesuche bei mir nur rudimentär mit Freude besetzt sind, ist der Besuch beim Zahnarzt auf der Rangliste ganz unten angesiedelt und das, obschon der Zahnarzt meines Vertrauens grundsätzlich nett und vor allem äußerst talentiert ist. Der Zustand meiner Zähne gibt wenig Hoffnung, noch einmal als Modell für Blendamed-Werbung Geld verdienen zu können, falls es mit dem anderen Job nicht mehr klappen sollte, ich bin aber auch weit davon entfernt, Shane Mac Gowan von der Folkpunk-Band The Pogues Konkurrenz zu machen. Sagen wir es so: Der Zahnarzt reibt sich in Gedanken die Hände, wenn er seiner Sprechstundenhilfe meinen Zahnzustand in Geheimsprache diktiert. Und damit wäre ich auch schon beim Thema, denn ich merke, wie mir in den letzten Jahren der Besuch beim Dentisten immer mehr Bauch- statt Zahnschmerzen bereitet. Ich werde das Gefühl nicht los, die Brüder und Schwestern der Zahnfraktion denken mehr im betriebswirtschaftlichen als im dentalpathologischen Sinne.

Letzte Woche hatte ich wieder einen dezent überfälligen Termin in der besagten Praxis. Zahnreinigung stand auf dem Programm. Nun ist es ja Lichtjahre her, dass eine Zahnreinigung, obschon regelmäßig empfohlen, von den Krankenkassen übernommen wird. Eine Krankenkasse ist im Grunde eher eine Einrichtung, in die man etwas einzahlt und nie so genau weiß, wofür. Denn spätestens dann, wenn sie eine medizinische Maßnahme berappen soll, wedeln die Angestellten mit verklausulierten Ausnahmelisten herum. Doch zurück zur Zahnreinigung. Die nette junge Frau, die sich anschickte, meinen Steinbruch auf Hochglanz zu bringen, legte mir im Vorfeld einen nach Preisen gestaffelte Leistungskatalog vor, dessen Serviceangebote ich sehr laienhaft mit ein bisschen sauber, ziemlich sauber und total supersauber umschreiben würde. Also ähnlich wie in der Autowaschstraße. Es ist wohl selbstredend, dass sich nach dem Empfinden der Zahnreinigungskraft meine Hauerchen in einem Zustand befanden, der mindestens die total supersaubere Zahnpflege notwendig machte, um nicht zu sagen ein Ablehnen den sofortigen Ruin bedeuten würde. Also genau die Variante, die ich bei der Autopflege beflissentlich – weil übertrieben – nicht in Anspruch nehme. Irgendwie erinnerte mich das Gebaren an die Reaktion eines Automechanikers beim Blick unter die Motorhaube: oh, oh, das wird nicht ganz einfach, was übersetzt bedeutet: Das wird teuer. Und da die Position in den grauenhaften Zahnarztstühlen einen so entsetzlich wehrlos macht, stimmte ich der teuren Ausführung, zähneknirschend, was jetzt noch möglich war, zu.  Klingeling: Macht in etwa stolze 100 Euro.

Nach dieser Behandlung schlich ich mich möglichst unauffällig aus der Praxis, um bloß nicht dem Oberweißkittel zu begegnen. Denn dessen gründliche Blicke in meinen oralen Steinbruch fallen meist kostspieliger aus. Er besitzt nämlich die unglaubliche Gabe, immer irgendetwas zu entdecken, was, so sein Wortlaut, auf Dauer gemacht werden muss. So schickte er mir bereits einen Kostenvoranschlag über vierhundertsoundsoviel Euronen zu, der sich auf eine unausweichliche Behandlung bezieht. Natürlich ist das die Luxusversion, denn ganz klein, wirklich beinah schon niedlich unauffällig, findet sich ganz unten der Preis für die Sparversion: Ein schlappes Drittel! Nun hoffe ich nur noch, dass mein Zahndoc nicht gekränkt ist, wenn ich ihm von meiner Wahl berichte, die billige Variante zu wählen. Vielleicht weint er einen Moment tief in sich hinein, weil sich dadurch die Abzahlung des sauer zusammengesparten Z4´s verzögert. Wer weiß!

Doch eigentlich schreib ich all das hier aus einem ganz anderen Grund. Ich frage mich nämlich: Wie, zum Teufel, soll ein Mensch, den das Schicksal mit Niedriglohn oder gar Hartz V bestraft hat, solche Rechnungen begleichen? Was wird aus der Zahnpflege und dem Zustand derselben, wenn das Portemonnaie nicht mehr hergibt? Die Zeiten des Zweiklassensystems sind lange vorbei; inzwischen befinden wir uns in einem Mehrstufenmodell von ganz arm = keine Zähne mehr im Mund bishin zu steinreich = Blendaxlächeln. Da ja immer von Solidaritätsbeiträgen (neuerdings auch bei der GEZ) gefaselt wird, werde ich mich also jetzt auch rein solidarisch verhalten und die Hartz V-Zahnversion ordern. Und wer jetzt noch kommt und meint, unser Gesundheitssystem sei gerecht, dem schlage ich die Zähne ein – rein mentaldental natürlich!

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Über Spochtautofahrer

Ich fuhr so vor mich hin, auf der Autobahn … ich glaube es war die A3 …. da sah ich schon von weitem ein Spochtauto der Marke Bayrische Motorenwerke nahen, das sich anschickte, mit überhöhter Geschwindigkeit, also Spochtautonormaltempo, in den glücklicherweise spärlichen Verkehr einzureihen. Spochtautofahrer haben es immer eilig, da es sich in der Regel um enorm wichtige Verkehrsteilnehmer handelt. Also wechselte ich nach links, um ihm oder ihr das Einfädeln zu ermöglichen, was sich aber, wie der Blick in den Rückspiegel ergab, erübrigte: Der Sportsfreund hatte sich bereits mit der Leitplanke duelliert und trudelte ziemlich unsportlich über die Bahnen. Glücklicherweise, was wiederum für sehr viel Spochtsgeist spricht, wurden, so weit ich es einschätzen kann, keine anderen Autofahrer involviert. Diesen Vorgang hatte ich bald vergessen, wenn ich nicht neulich eine Werbeseite der besagten Weißwurstkarossen in die Finger bekommen hätte, in der es um die sportliche Charakterstärke und Noblesse der 6er Serie ging.

Sicherlich bin ich für Autos nicht der richtige Ansprechpartner. Zwar zähle ich selbst zu den Automobilisten, finde aber insgesamt die Beschäftigung mit diesen fahrbaren Untersätzen in etwa so interessant wie den Hosenlatz von Silvio Berlusconi. Allerdings setzte die angedeutete Werbung in mir ungewohnte kognitive Prozesse in Gang. Ich fragte mich nämlich, wie ein Auto sportlich sein kann? Gibt es da nicht Parallelen zu den unsäglichen Jogginganzügen, in denen die Träger zumeist alles andere aussehen, nur nicht sportlich? Also in etwa wie Mutationen von Reiner Calmund! Kann ein Sportanzug allen Ernstes sportlich sein? Und – jetzt lehn ich mich mal sportkritisch total aus dem Fenster – ist Autospocht überhaupt ein Sport? Es gibt ja auch kein Schach- oder Fernsehsport. Ich meine, was tut ein Autofahrer anderes als seine Füße und Hände minimalflott zu bewegen, während der Rest im Sitz rumlungert. Ist ein Rennfahrer wie Sebastian Vettel (wundere mich selbst, dass ich den kenne) automatisch auch eine Sportskananone, wie man früher zu sagen pflegte?

Sei´s drum. Was ich jedenfalls äußerst bedenklich finde, dass sich der Otto-Normal-Rennfahrer  in seinem Opel, BMW oder sonstigen PS-Schleuder aufgrund der werbemäßigen Vorgaben sportlich empfindet, dabei aber nichts anderes fabriziert, als seine Mitfahrergemeinde in Angst und Schrecken zu versetzen. Denn bei den meisten reicht die Spochtlichkeit nicht einmal aus, um sauber die Kurve zu nehmen oder das Überholmanöver so abzuschließen, dass ich für diesen Straßen-Asi mal ausnahmsweise nicht in die Bremsen steigen muss. Daher mein Vorschlag: Eigene gebührenpflichtige  Autobahnen für vermeintliche Spochtautofahrer. Da können sich die Damen und Herren Raser und Rennfahrer nach allen Regeln der Autospochtkunst die Kante geben. Abends wird dann die Strecke von Abschleppdiensten und Bestattern abgefahren und die Überbleibsel entsorgt. Das da noch keiner drauf gekommen ist!

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Neuordnung GEZ 2013

An die  Parteien in NRW, sowie an Kurt Beck, der für diese Neuordnung mitverantwortlich ist, haben wir diesen Text geschickt. Die möglichen Antworten werden wir hier veröffentlichen:

2013 ist mit einer besonders  skurrilen Neuerung zu rechnen: Es wird eine GEZ-Pauschale pro Haushalt abgerechnet, egal ob sich dort ein Empfangsgerät welcher Art auch immer befindet oder wie die Vermögensverhältnisse der Bewohner beschaffen sind. Mal abgesehen, dass dies eine absolut mies überlegte Variante von Gerechtigkeitsverständnis darstellt, wurden bei der Überlegung solche Personen, die das Medium Fernsehen gar nicht nutzen, komplett ausgeblendet. Meine Frau und ich – und wir stellen keine Einzelfälle dar – schauen seit über 5 Jahren kein Fernsehen mehr (auch nicht im Internet!!). Zum einen ist unser Verhalten ein Protest gegen den Schwachsinn, der medial geboten wird, zum anderen ist uns unsere freie Zeit zu schade. Wir wollen unsere Zeit nicht vertreiben, sondern sie sinnvoll nutzen. Die neue Gebührenordnung erleben wir somit als eine Art Zwangsgeld für etwas, was wir nicht nutzen können und wollen. Wir möchten daher die Verantwortlichen bitten, die Neuordnung der GEZ zu überdenken. Unser Vorschlag wäre eine Art Pay-TV für alle Sender einzurichten, damit jeder selbst bestimmen kann, wie viel Fernsehen er nutzen möchte.

Gibt es zur Neuordnung der GEZ eine Stellungnahme von Ihrer Partei?

Mit freundlichen Grüßen ………….

Die Linken waren besonders flott, aber auch nicht besonders wortgewaltig:

wir lehnen diese Art von Änderung, gerade unter dem Gesichtspunkt der Nichtberücksichtigung der Einkommensverhältnisse, ab.

Ausführlicher wird unser Problem vom Büro Kurt Becks (SPD) behandelt, nur leider ohne auf unsere Anfrage einzugehen:

In Ihrer E-Mail kritisieren Sie den neuen Rundfunkbeitragsstaatsvertrag. Gerne will ich Ihrem Wunsch nach einer Stellungnahme entsprechen.Nach intensiven und umfangreichen Gesprächen auf politischer Ebene haben dieMinisterpräsidenten der Länder den 15. Rundfunkänderungsstaatsvertrag zurNeuordnung der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf ihrerKonferenz am 15. Dezember 2010 in Berlin unterzeichnet.Wesentliches Ziel dieser Reform ist es, die Finanzierung des öffentlich-rechtlichenRundfunks für die Zukunft zu sichern. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bietet ein vonder Wirtschaft und Staat unabhängiges Kultur- und Unterhaltungsangebot. Mit ihrenAngeboten leisten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, auch nach Auffassungdes Bundesverfassungsgerichtes, einen wichtigen Beitrag zu unserer freiheitlichdemokratischen Gesellschaft. Sie bieten aufgrund ihrer staatsunabhängigenFinanzierung gerade auch Inhalte an, die im Programm der Privatsender nichtvorkommen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird deshalb von der Gesellschaftgetragen und finanziert.Einen möglichen Weg der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für dieZukunft zu sichern, haben wir mit dem Rundfunkbeitragsstaatsvertrag und demWechsel von der geräteabhängigen Gebühr, hin zum geräteunabhängigen HaushaltsundBetriebsstättenbeitrag beschritten. Mit diesem Modellwechsel wird auch dieFinanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks künftig transparenter und wenigerbürokratisch ausgestaltet. Damit wird der Kontrollaufwand vor Ort verringert werden.Durch eine haushaltsbezogene Erhebung des künftigen Rundfunkbeitrags wird diePrivatsphäre der Gebührenzahler gewahrt, da alle in einer Wohnung lebendenPersonen nur noch einen Beitrag zu leisten haben.Im Einzelnen bedeutet dies:Der neue Beitrag, der pro Haushalt erhoben wird, soll künftig alleNutzungsmöglichkeiten der dort lebenden Personen (Fernsehen, Hörfunk,Telemedien, pe, Autoradio) abdecken. Gleiches gilt auch für den nicht privatenBereich. Dort soll ein Beitrag für Betriebsstätten, gestaffelt nach der Zahl derMitarbeiter erhoben werden.Damit wird künftig nicht mehr an das Bereithalten eines vorhandenenRundfunkempfangsgerätes angeknüpft. Es wird angenommen, dass jede in einemHaushalt lebende Person generell die Möglichkeit hat, die vielfältigen Angebote deröffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Wort und Bild zu nutzen. Hierfür sind vonSeiten des privaten, aber auch nicht privaten Bereichs (Wirtschaft/öffentliche Hand)entsprechende Beiträge zur solidarischen Finanzierung des Gesamtangebots desöffentlich-rechtlichen Rundfunks zu zahlen. Dabei kommt es nicht auf diekonkret-individuelle Nutzung des Gerätes an, sondern vielmehr auf die Möglichkeiteiner Inanspruchnahme bzw. Nutzung der Angebote. Statistiken belegen, dassnahezu alle Haushalte zwischenzeitlich mit entsprechenden Geräten ausgestattetsind. Nach einem von den Rundfunkanstalten eingeholten Gutachten kommt derehemalige Bundesverfassungsrichter Prof. Dr. Paul Kirchhof deshalb zu demErgebnis, dass eine Typisierung des Beitragstatbestandes und ein Anknüpfen an denHaushalt künftig verfassungsrechtlich zulässig sind. Dies ergibt sich schließlichdaraus, dass alle Bürger Deutschlands von der Einrichtung des öffentlich-rechtlichenRundfunks im Hinblick auf die Grundversorgung mit Informationen, die Mitwirkung beider Meinungsbildung und dem Angebot an kulturellen und Unterhaltungssendungenprofitieren.Weiterhin wird mit der Neuregelung dem Zusammenwachsen der unterschiedlichenmedialen Nutzungsformen Rechnung getragen. Augrund der technischenWeiterentwicklung der Geräte und auch der Angebote wird es in Zukunft kaum nochmöglich sein, zwischen den bisherigen reinen Hörfunk- und Fernsehgeräten zuunterscheiden. Viele Geräte wie PC und Handy, die in den Haushalten vorhandensind, eröffnen vielfältige multimediale Anwendungen und Wege, über die dieRundfunkanstalten ihre Angebote präsentieren. Insofern wird es einen einheitlichenBeitrag von 17,98 € geben, der sich an der bisherigen Höhe der Rundfunkgebühranlehnt und alle Nutzungsformen medialer Angebote abdeckt. Dabei gehen dieLänder davon aus, dass der Beitrag in dieser Höhe noch in den nächsten Jahrenstabil bleibt.

Auch die FDP ließ sich nicht lumpen und antwortete nebst angehängter, umfangreicher PDF-Datei. Tja, nur was passiert mit den gut 1,5 Millionen TV-Verweigerern. Auch hier keine direkte Stellungnahme!

Ziel des fünfzehnten Rundfunkänderungsstaatsvertrages sollte es sein, durch ein neues, vereinfachtes Gebührensystem für mehr Gebührengerechtigkeit und damit für eine verstärkte Akzeptanz beim Gebührenzahler zu sorgen. Insofern ist die Abkehr von der gerätebezogenen Gebühr hin zu einer geräteunabhängigen Gebühr grundsätzlich zu befürworten.

Durch das im Staatsvertragsentwurf abgebildete Beitragsmodell und dessen Ausgestaltung ergeben sich jedoch eine Vielzahl von Mehrbelastungen für die Beitragszahler und datenschutzrelevanten Problemkreisen. Ebenso ist aus Sicht der Liberalen das Problem der Medienkonvergenz, d.h. die Annäherung der verschiedenen Einzelmedien, nicht gelöst.

Die FDP hat sich immer für eine personenbezogene Medienabgabe als sinnvolle Alternative zum aktuellen geräteabhängigen Beitragsmodell ausgesprochen. Eine solche personenbezogene Medienabgabe wäre gerecht, wenn jeder Erwachsene, der über einer bestimmten Einkommensgrenze liegt, monatlich einen Rundfunkbeitrag zahlt und dann den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk kostenlos nutzen kann, unabhängig von Ort und Empfangsgerät. Eine solche Flatrate führt gleichzeitig zu einer transparenten, nachvollziehbaren Lastenverteilung. Leider haben diese Aspekte in den Staatsvertragsentwurf keinen Eingang gefunden.

Unsere kritische Haltung gegenüber dem vorliegenden Staatsvertragsentwurf haben wir durch eine Vielzahl von parlamentarischen Initiativen, Reden und Pressemeldungen immer wieder zum Ausdruck gebracht. Nicht zuletzt haben wir einen entsprechenden Entschließungsantrag mit unserem Alternativmodell zu der nun erfolgten Abstimmung über den Staatsvertrag am 8. Dezember 2011 in den Landtag von Nordrhein-Westfalen eingebracht. Den Rundfunkstaatsvertrag in seiner nun beschlossenen Form haben wir abgelehnt. Unseren Entschließungsantrag habe ich zu Ihrer Information diesem Schreiben beigefügt.

Inzwischen trudelte auch die Stellungnahme der CDU ein: 

Ich danke Ihnen für Ihr Schreiben, in dem Sie die Verabschiedung des 15. Rundfunkänderungsstaatsvertrages thematisieren. Der nordrhein-westfälische Landtag hat über die Reform der Rundfunkgebühren in einem nach der Geschäftsordnung des Landtags vorgegebenen Verfahren beraten. Die CDU-Landtagsfraktion hat alle Anregungen und Bedenken gesammelt, die uns zu diesem Entwurf erreichten und diese sehr sorgfältig geprüft.

Nach intensiven Diskussionen hat die CDU-Landtagsfraktion beschlossen, der Staatsvertragsnovelle zuzustimmen. Wir haben dies maßgeblich deswegen getan, um eine drohende Erhöhung der Rundfunkgebühren zu vermeiden, da im Falle einer Ablehnung des Staatsvertrages das alte Gebührensystem weiterhin Bestand haben würde.

Mit der Zustimmung zum neuen System wird eine Gebührenordnung beendet, die für den heutigen Medienkonsum nicht mehr zeitgemäß ist und zu viele Ungleichbehandlungen geduldet hat. Zukünftig sollen die Beiträge haushaltspauschal erhoben werden. Schon längst hat sich der Medienkonsum vom Besitz von Fernsehern oder Radios gelöst. Das mobile Internet und der konsequente Fortschritt der Mediengesellschaft belegen, dass ein Rundfunkbeitrag nicht mehr länger an bestimmte Endgeräte gebunden werden kann. Eine Neuordnung der Gebührenordnung ist daher längst überfällig. Schwarzsehern und -hörern nehmen wir mit der Novellierung die Möglichkeit, Beitragszahler weiterhin zu benachteiligen, und für die Bürgerinnen und Bürger in Nordrhein-Westfalen stellen wir mindestens gleichbleibende Beiträge sicher. Eine weitere Erhöhung der Rundfunkgebühren will die CDU-Landtagsfraktion unbedingt vermeiden. Durch die breitere Basis der Beitragszahler erhoffen wir uns sogar zukünftige Gebührensenkungen.

Das bedeutet aber nicht, dass wir dem Änderungsstaatsvertrag in allen Punkten ohne Einwände gegenüberstünden.

Die im Staatsvertrag formulierte Beitragspflicht für Kraftfahrzeuge kann unserer Meinung nach nicht dauerhaft mit den gleichzeitig anfallenden Abgaben für Betriebstätten aufrechterhalten werden.

Auch die Kritik des Landesdatenschutzbeauftragten am Vertragswerk halten wir für berechtigt. Die GEZ soll durch die Änderung der Gebührenordnung in die Lage versetzt werden, weniger Daten erheben und weniger Daten speichern zu müssen. Kurze Löschungsfristen sind ein Mittel, um den Zugriff zu beschränken. Auch der Verzicht von Datenanmietung oder -ankauf über die im Staatsvertrag verankerte Bestimmung bis 2014 hinaus kann einen wesentlichen Beitrag zum Datenschutz und zur Verschlankung der GEZ leisten.

Wir fordern außerdem die Rundfunkanstalten auf, weitere Anmeldungen von zusätzlichem finanziellem Bedarf zu vermeiden. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit den zur Verfügung stehenden Mitteln muss reichen, um den gesetzlichen Auftrag zu erfüllen. Einem anderen Zweck hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht zu dienen. Insbesondere darf die Gebührenfinanzierung die Wettbewerbsbedingungen auf dem Binnenmarkt nicht beeinträchtigen.

Wir unterstützen alle Bestrebungen, die Qualität der Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu erhöhen, stärker den Kernauftrag in den Mittelpunkt zu rücken und dem Bürger einen erkennbaren Mehrwert für sein Geld zu liefern.

Unsere Kritikpunkte haben wir auch in einem Entschließungsantrag festgehalten, den ich als Anlage diesem Schreiben beilege.

Die CDU-Landtagsfraktion stimmt dem 15. Rundfunkänderungsstaatsvertrag mit Kritik an einzelnen Punkten zu, weil sie ihrer Verantwortung für das Wohl der Menschen in Nordrhein-Westfalen und in ganz Deutschland gerecht werden will. Eine Ablehnung des Staatsvertrags würde zu einer Rundfunkgebührenerhöhung führen. Ein höherer Rundfunkbeitrag als 17,98 Euro pro Monat ist aus unserer Sicht den Menschen aber nicht zuzumuten.

Aus unserer Sicht ist es unbedingt erforderlich, nach In-Kraft-Treten des neuen Beitragsstaatsvertrages zügig anhand der Ergebnisse der Ermittlung des Finanzbedarfs der Anstalten die finanziellen Auswirkungen sowie Notwendigkeit und Ausgewogenheit der Anknüpfungstatbestände zu überprüfen.

Wir werden die Erfahrungen, die mit dem neuen Rundfunkbeitragsmodell gemacht werden, sorgfältig prüfen und im Rahmen der Evaluierung einbringen. Hierzu hat die CDU-Landtagsfraktion eine eMail-Adresse eingerichtet – Rundfunk@cdu-nrw-fraktion.de – und bittet, Anmerkungen und Probleme zu dem neuen System darüber mitzuteilen.

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‎1213 Unterschriften für den Weihnachtsmarkt

(Aus den Westfälischen Nachrichten vom 30.11.2013)

Arnold Illhardt übergab Bürgermeister Pieper die Unterschriftenliste. Foto: (Greife)

Unterschriften von Telgter Bürgerinnen und Bürgern hat Ar­nold Illhardt während der Hauptausschusssitzung an Bürgermeister Pieper übergeben. Die Unterzeichner sprechen sich für die Fortsetzung des Mittelalterlichen Weihnachtsmarktes in seinem bisherigen Umfang aus. „Wir hatten nicht viel Zeit“, so Illhardt über die zwölf Tage währende Aktion, die von einer kleinen Gruppe initiiert worden war. Weil die Emotionen sehr stark hochgekocht seien, hätten zudem einige aus Angst vor Repressalien nicht unterschrieben.

Bürgermeister Pieper bedauerte die „Schönheitsfehler“ in der Debatte der vergangenen Wochen. Nicht alle hätten den gleichen Informationsstand gehabt, und auch die Diktion der Auseinandersetzung sei nicht optimal gewesen. So habe die Diskussion die Stadt gespalten.
Es sei falsch, dass der Aufsichtsrat der Wirtschaftsbetriebe den Markt nicht mehr gewollt habe, so sein Vorsitzender Manfred Mönig. „Wir wollten ihn nicht mehr in der bisherigen Form, weil wir die Konfliktsituation berücksichtigen müssen.“

Wie berichtet, haben sich Stadt und Veranstalter Gisbert Hiller inzwischen aufeinander zu bewegt (freitags komplett und sonntags in der Mittagszeit keine Musik mehr). Der Aufsichtsrat tagt am 6. Dezember erneut.

VON ROLAND GREIFE, TELGTE

 
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Hochzeitstag

“Wir hatten gestern Hochzeitstag!” Man wird mir sicherlich ansehen, wie sehr ich verliebt bin.

“Oh Glückwunsch! Der wievielte ist es denn?”

“Der Vierte”, sage ich glücklich.

“Ach, der Vierte! Naja, am Anfang ist man da immer noch frisch verliebt!” bekomme ich zur Antwort.

“Wir sind aber schon seit genau 7 Jahren verliebt” füge ich nach.

“Das verflixte siebte Jahr”, höre ich mein Gegenüber beinahe drohend sagen.

“Ich glaube nicht, dass es bei uns ein verflixtes siebtes Jahr gibt; außerdem halte ich das eh für Quatsch!”

“Wartet´s ab”, erwidert mein Gesprächspartner.

“Worauf?”

“Na, das gibt sich mit der Zeit. Und außerdem: habt ihr Kinder?”

Ich bejahe: “Sie sind schon erwachsen! Aber warum fragst du?”

“Mit Kindern normalisiert sich das automatisch. Aber trotzdem schönen Tag!”

Ich frage mich: a) warum bekommen Leute Kinder und b) wieso müssen sie dafür Paare werden, wenn es mit Liebe offensichtlich nichts zu tun hat?

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Goodbye GEZ

Die neue Fernsehsteuer naht! Demnächst soll jeder zahlen – ob mit oder ohne TV! Der Versuch einer Gegenoffensive

Ab 2013 gilt eine Neuregelung für die GEZ: Jeder Haushalt, egal ob mit oder ohne Fernsehen, soll eine Gebühr bezahlen. Diese Entscheidung wurde von den Ministerpräsidenten der Bundesländer, allen voran der Vorsitzende der Rundfunkkommission Kurt Beck (SPD), übereinstimmend getroffen. Wurde die Gebühr bisher  nach den tatsächlich vorhandenen Empfangsgeräten bemessen, so gilt demnächst: Jeder muss bezahlen. Die rigiden Maßnahmen der GEZ (sogar bei Verunglimpfungen gegen dieses System) sind bekannt und können unter www.gez-abschaffen.de eingehend studiert werden.

Seit 5 Jahren leben wir fernsehfrei, zum einen weil wir den tiefergelegten Stumpfsinn in den diversen Programmen ablehnen, vor allem aber, weil wir unsere freie Zeit lieber kreativ mit Inhalt füllen. Wir brauchen keine Vorlagen zum Leben, wir leben lieber selbst. Aus diesem Grund sehen wir in der Neuregelung der GEZ einen absolut undemokratischen, ungerechten und politisch nicht haltbaren Prozess: Nicht nur für uns, sondern auch für die Menschen, die das Fernsehen wohldosiert nutzen. Es geht uns dabei weniger um die Gebühren selbst, sondern dass politische Entscheidungen getroffen werden, die jeglichen Verstand und Realitätssinn vermissen lassen.

Wir regen daher an:

a) für die Häufigkeit der Nutzung von Fernsehen im Sinne von Pay-TV zu zahlen, d.h. je höher der Fernsehkonsum, desto höher die Kosten

b) ARD und ZDF sollten kostenfrei bleiben, so dass ein Grundrecht auf Information für finanziell minderbemittelte Personen gegeben ist. Die dafür anfallenden Kosten sollten per Umlage durch die Pay-Kanäle finanziert werden.

c) die für den eigenen Wahlkreis zuständigen Politiker auf diesen Missstand anzusprechen und von ihnen Positionen und Erklärungen zu verlangen.

Wir freuen uns über einen regen Austausch.  Es wäre wünschenswert, dass sich kritische Fernsehkonsumenten sowie Fernsehverweigerer zusammenschließen.

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Kulturzentrum Johannes-Kirche Telgte

Als ich ein kleiner Junge war, baute man in Telgte sozusagen in Spucknähe zu meinem damaligen Elternhaus eine neue Kirche. Zu der Zeit gab es kaum große Bauwerke, also stand ich so manches Mal vor der künftigen Johannes-Kirche und staunte Bauklötze. Zudem fragte ich mich – und meiner erwachsenen Umgebung schien es nicht anders zu gehen: Warum sind die Mauern nicht gerade wie allgemein üblich sondern rund? Es sprach sich bald rum, dass der Architekt Tiepelmann aus Münster sich bei der Planung etwas gedacht hatte, was man heutzutage nicht unbedingt von vielen Architekten erwarten darf. Seine Idee: Das künftige Bethaus soll von oben wie eine Rose aussehen. Damit fing er sich schon einmal den ersten Ärger ein, denn dem eindimensional denkenden Telgter ist es natürlich schietegal, wie so ein Murmelbeiß von oben aussieht, wenn er des Fliegens nicht allmächtig ist. Als dann so um 1969 das postmoderne Bauwerk schließlich eingeweihräuchert werden konnte, wurde gemotzt was das Zeug hielt: zu modern, zu ungewöhnlich, zu turmlos und zu unsakral. Es ist übrigens eine bis heute weit verbreitete Mentalität der Telgter, sich über neumodischen Krams zu mokieren.

Ich für meinen Teil verstand die Welt nicht mehr. Endlich mal ein Gotteskomplex, der transparent, luftig und hell wirkte und nicht so verkathedralt wie der Rest der religiösen Gebäude, in denen man immer gleich an den Namen der Rose (äähm, Rose? Da war doch was?) denken muss – übrigens auch was den Doppelmoralkodex vieler Kirchen anbetrifft. Unvergessen blieb mir die Schadenfreude der ersten Kirchgänger, als es zum Hochamt durch die Decke pieselte und der Regen in Eimern aufgefangen werden musste. Ein wasserfester Beweis, dass Neues eben doch nichts taucht. “Guckste! Sach ich doch!”

Und noch etwas brachte die Kleingeistigkeit vieler Kirchgänger gehörig ins Schwanken: Eine Kirche ohne Turm ist keine Kirche. Um auch noch die letzten Mohikaner unter den erbosten Katholiken zu beschwichtigen, setzte man 1987 einen Glockenturm AUFS!!! Flachdach. Aus dem angepriesenen Turm wurde ein rechteckiger Aufbau mit fünf Glocken, was die erhoffte Zweifaltigkeit vieler zerbröseln ließ. Immerhin läuteten die Glocken und hupten nicht wie befürchtet.

Da irgendwann motztechnisch der Schwung raus war, begann man sich, an den neuen Ort des Gebetes zu gewöhnen, außerdem, so verkündete es ja der Neukatholizismus, ist der liebe Gott überall, sogar in so einem neuzeitlichen Gebäude. Und so wurden dort ganz normale Messen gefeiert, Piet Janssens brachte musikalisch-poppigen Schwung ins Gemäuer, ich wurde als Messdiener angeheuert und sogar trotz Stimmbruch als Lektor unter Vertrag genommen bis man sich von mir aufgrund erhöhten Promillegehaltes am Altar trennte. Seitdem verlor ich die Johanneskirche etwas aus den Augen und aus dem Sinn, allerdings ließ ich in späteren Jahren keine Gelegenheit aus, Besuchern und jeweiligen Lebenspartnerinnen stolz UNSER Gotteshaus zu präsentieren. Offenbar bin ich aber der einzig stolze Johannist, denn in allen Telgter Chroniken, selbst im dicken, über 700 Seiten starken Totschläger “Geschichte der Stadt Telgte” wird dieses Stück Emsstadt bis auf homöopathisch dosierte Hinweise verschwiegen. Das ist halt die Rache des kleinen Mannes.

Auch vor wenigen Tagen besuchten meine Frau und ich mal wieder die Johanneskirche. Die Stimmung war ein wenig gedrückt, denn, so konnte man in der Zeitung lesen, soll das Gebäude aufgegeben, wenn nicht sogar abgerissen werden. Der Grund ist natürlich wie in so vielen anderen deutschen Gemeinden der Rückgang der Kirchenbesucher. Auch wenn Pope Benedikt on Tour riesig abgefeiert und zu einem Massengaudi wurde, merkt man von dieser Stimmung in den Kirchenbänken vor Ort und so auch in Telgte nichts. Auch an diesem Tag waren wir die einzigen Gäste in den heiligen Hallen. Jetzt, mit so viel Muße und ohne die ständig in Kirchen rumlatschenden Besichtiger, wurde mir noch einmal deutlich: Die Kirche ist unglaublich schön! Und auch wenn sich bei mir die Beziehung zur Institution(!) Kirche bis zur geistlichen Umnachtung verdunkelt hat, so fühl ich mich hier sehr geborgen.

Erste Stimmen rufen nun nach einem Erhalt der Johanneskirche, denen wir uns gerne anschließen. Letztes Jahr besuchten wir eine ehemalige Kirche in Maastricht (Holland). Hier hat es eine lange Tradition, Kirchen umzufunktionieren, so wie in diesem Fall zu einem großen Buchladen mit Cafe. Ein fantastischer Ort! Warum geht das eigentlich nicht in Telgte? Warum kann man nicht mit Investoren das Gebäude umgestalten, Innenräume hochziehen und dort ein kulturelles Zentrum errichten? Ausstellungen, Versammlungen, Seminarräume, Verlage undsoweiterundsofort! Was ist so schlimm daran, einen solchen Platz weltlich zu nutzen  und trotzdem spirituelle Kräfte zu spüren?  Ja, ja ich weiß, war ja auch nur eine Idee. Wahrscheinlich, weil sonst wieder jahrelang gemotzt wird!

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Im Ostertorviertel von Bremen

Drei Tage Bremen – eine Bewusstseinskur, ein Eintauchen in eine Welt voller Kreativität, vor allem aber eine Stärkung des Gefühls, dass es sie noch gibt: halbwegs loungefreie und beseelte Stadtviertel. Nicht wie sonst ein dienstlicher Auftrag, sondern ein tiefer Beweggrund aus Lust und Laune, gemischt mit viel Leidenschaft führte uns in die Hansestadt. Zudem eine Reminiszenz an eine zehn Jahre zurückliegende Therapieausbildung, die mir stückchenweise diese Stadt näher brachte. Man muss, wenn man über Bremen schreibt, Einschränkungen machen. Ein wenig hat man nämlich das Gefühl, in dieser Stadt tourismusbehördlich gelenkt zu werden: Ins Schnorrviertel, die Böttchergasse oder an die Schlachte an der Weser. Diese Gegenden werden touristisch angepriesen, dabei sind sie nicht das Salz in der hanseatischen Suppe, sondern eher fades, da seelenloses, touristisch überzogenes Beiwerk. Uns zog es, wie schon beim letzten Mal, in das Ostertorviertel, ein Stadtteil von Bremen, in dem das Leben auf eine ganz andere Weise brodelt, eben nicht Pimkie-verseucht, Starbuck-entromantisiert oder Handyladen-vermaledeit. Statt Inszenierung, wie in den meisten großen deutschen Städten, wird hier vor allem auf Lebenssinn gesetzt. Davon zeugen die zahlreichen Galerien, Hausbemalungen, Bepflanzungen und gemütlichen Eckchen, in denen der Lebensfluss langsamer zu fließen scheint, obschon es drumherum nur so sprudelt. Im sogenannten Viertel ticken die Uhren noch anders, es scheint immer Zeit für einen Kaffee und ein Gespräch zu geben, man kennt sich hier; espressorunterschüttende Yuppies sieht man glücklicherweise eher selten. Kommt man aus dem devoten Telgte, wo das Einschlagen von Nägeln bei Kunstveranstaltungen verboten ist, so glaubt man hier, in einen wahren Selbstbedienungsladen des Eigensinns und Möglichmachens geraten zu sein. Wozu auch Nägel, wenn man die Bilder gleich an die Wand pinseln, sprayen oder kleben kann. Natürlich gibt es auch hier viel schlechte Graffitis, idiotische, nichtssagende Tags, aber eine gute nächtens gelegte Wandmalerei scheint eher willkommen als kriminell zu sein. In einem sehr geschmackvoll eingerichteten Bioladen, in dem wir die Zutaten für ein bescheidenes, aber genussvolles Hoteldiner kaufen, frage ich nach, woher diese Offenheit und Andersartigkeit kommt. Es scheint, wie mir die Besitzerin, selbst Bewohnerin des Viertels stolz erzählt, mit der Mentalität und politischen Einstellung der Leute zu tun zu haben. Man ist hier links und alternativ, aber nicht im Sinne von blassgrün, sondern hier gedeiht immer noch prächtig ein nicht immer stilles Revoluzzertum, wie die vielen Sprüche an den Wänden beweisen. Mein Lieblingsspruch, der an einer Mauer prangte: Warum seid ihr nur so stumpf? Kurz gab es die Idee, die Meile im Viertel zur Fußgängerzone umzugestalten, doch konnte man dies glücklicherweise vermeiden. Im ersten Moment staunt der Laie: Aber Fußgängerzonen sind doch verkehrsberuhigt? Mag sein, doch solche Bereiche erhöhen automatisch die Mieten, was wiederum den Kreativen und Andersartigen ein Bleiben unmöglich macht. Schon bald kreisen die Karstadt- und H&M-Konsumgeier über der Meile, da genießt man doch hundert Mal lieber das Rattern der Straßenbahnen und das Geräusch von Gummireifen auf Kopfsteinpflaster. Doch, man mache sich schon Sorgen, gibt die Frau im Bioladen zu und wird dabei sehr ernst. Es gäbe doch immer mehr Handlyläden und das sei ein schlechtes Zeichen. Man müsse sich Sorgen machen. Liebe Sprayer von Bremen, seid so gut und sprayt solche und ähnliche Konsumexkremente bis zur Unkenntlichkeit zu, damit wir beim nächsten Besuch für eine kleine Weile die Illusion zurückerlangen, unter dem Pflaster liege doch der Strand.

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Erotik in Telgte

Skandal – auf der Telgter Kirmes wurden – offenbar von der Öffentlichkeit und dem Probst unbemerkt – erotische Bilder gesichtet. Und das ausgerechnet im sittenstrengen Telgte, einer Stadt, in der die Welt zumindest oberflächlich noch in Ordnung ist. Wir fragen uns: Ist dies das Ende? Der Untergang der Moral? Zeigt massenhaft Bestürzung!

Achtung! Wir weisen auf eine mögliche Verrohung diesbezüglich sensibel feingerippter Gemüter hin! Tut notfalls Buße! 

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Mittelalter Phantasie Spectaculum in Telgte 2011

Ein Nachschlag

Zugegeben, der Farasan´sche Bericht über das Mittelalter Phantasie Spectaculum in Telgte kommt mit reichlicher Verspätung, doch hängt dies mit der leisen Hoffnung zusammen, am Ende mit einem positiven Ergebnis über das weitere Stattfinden aufwarten zu können. Leider gibt es ein solches Ergebnis noch nicht. Offensichtlich obliegen alle weiteren Planungen und Überlegungen der Geheimhaltung. Lediglich das Käseblättchen „HALLO“ informierte über die Emailaktion an den Bürgermeister. Doch eins nach dem anderen.

Für uns beginnt das Spectaculum in Telgte immer schon Tage im Voraus, nämlich dann, wenn das metallische Geräusch vom Einschlagen der Zeltheringe zu uns herüberschallt. Wir sind nur durch die Emsinsel „Dümmert“ von der Großveranstaltung getrennt. Als bekanntermaßen große Liebhaber und Nachbarn der mittelalterlichen Umtriebe wurde unser Antrag auf Teilnahme am runden Tisch mit Gisbert Hiller abgewiesen; unser Dabeisein war offenbar nicht sonderlich erwünscht. Und deshalb war die Vorfreude, die sonst mit den ersten MPS-Vorbereitungen verbunden ist, etwas getrübt. Doch dann der große Moment: Betritt man, leicht gewandet, ausgestattet mit Trinkhorn und mit der Idee, sich in einer Art Live-Rollenspiel zu befinden, das Fest, so überfällt einen zu Beginn regelmäßig ein unglaublich intensives Gefühl: Endlich wieder der Geruch von Feuer, endlich wieder Leute, die nicht aussehen, wie der Berater deiner Krankenkasse und endlich wieder diese geballte Ladung Dudelsack und Trommel. Für uns ist und bleibt das Mittelalterspectaculum und noch viel mehr die Mittelalter Lichterweihnachtsmärkte die schönsten und wichtigsten Veranstaltungen in Telgte.

Ein erster Rundgang, um sich einen Überblick zu verschaffen. Ich fühle mich wie ein kleines Kind in einer Großhandlung für Spielzeug. Man muss mit geschärften Blick über den Markt wandeln, denn es könnte sonst sein, dass einem wichtige Details entgehen. Und immer wieder wird man abgelenkt durch fantasievoll gekleidete Männer und Frauen, durch besondere Accessoires oder kleine Events irgendwo mittendrin. Man schaut sich um und erschrickt sich über die drei Trolle, die plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht sind. Sie sehen zwar gefährlich aus, feixen aber – eben trollenhaft – herum. Hier kann man Langbögen oder Schwerter begutachten, dort Schmuck oder Töpferware beliebäugeln und wieder woanders schöne Düfte erschnuppern. Weiter hinten bekommt man einen Einblick in mittelalterliche Foltermethoden oder hat beim Pestumzug einen Eindruck, wie es damals zugegangen sein muss. Natürlich war das Mittelalter eine schlimme Zeit, was Gegner dieser Veranstaltung immer wieder mantraartig runterleiern, doch geht es auch nicht um eine Verherrlichung, sondern um eine Art Rollenspiel in einer zweiten Welt. Siehe dazu: www.farasan.de/2011/08/faszination-mittelalter. Weiterhin gibt es Ritterspiele, Wettkämpfe, Akrobatik, Feuershows oder Kinderbelustigungen. Man hat immer und zu jeder Zeit das Gefühl, etwas zu verpassen. Natürlich gibt es Dutzende von Ständen, an denen auch für den kulinarischen Genuss gesorgt wird und wo ich mein Trinkhorn nachfüllen kann. Auf mehreren Bühnen gibt es musikalischen Ohrenschmaus. Es sind zwar immer wieder alte Bekannte, doch inzwischen verbindet einen ein fast familiäres Verhältnis, wenn Rapalje oder Saltatio Mortis aufspielen. Für uns neu dieses Jahr ist Soar Patrol, deren Spielenergie und -witz durchschlagende Wirkung hat. Zwischendurch hat man immer wieder Blickkontakt mit den Besuchern oder Artisten, ein Zuzwinkern, ein Lächeln, ein netter Blick, ein Spaß mit einem Händler, es herrscht durchgehend eine friedliche, freundschaftliche und festliche Stimmung. Es ist wirklich wie eine zweite Welt, die leider am Abend des darauffolgenden Sonntags wieder abgebaut wird. Doch man freut sich für die Leute, die am nächsten Wochenende in Borken oder Singen ihren Spaß haben werden.

Wettertechnisch ist es ein absoluter Glücksgriff. 2011 war ein Jahr mit einem Schmuddelsommer, doch genau an diesem Wochenende reißen die Wolken auf und den ganzen Tag werden wir von schönstem Sonnenwetter verwöhnt. Vielleicht eine Entschuldigung des Wettergottes, dem die Blödsinnigkeit des Telgter Politbüros überaus peinlich ist. Der Auflagenkatalog, ausgesponnen vom Aufsichtsrat der Telgter Wirtschaftsbetriebe, ist nämlich derart gestrickt, dass man meinen könnte, in Telgte findet ein Bundestreffen gemeingefährlicher Brandstifter statt, die zudem der gewaltbereiten Hooliganszene zuzuordnen sind. Das kommt davon, wenn man Leute mit Dingen beauftragt, von denen sie keine Ahnung haben oder kann mir jemand mal verständlich machen, was z.B. ein Rechtsanwalt und Notar für erbrechtliche Fragen – insbesondere aus dem Landwirtschafts- und Höferecht – sowie grundstücksrechtliche Angelegenheiten, in einem solchen Gremium zu suchen hat? Auf dem Markt werden u.a. Feuerlöscher angeordnet, mit denen man den historischen Stadtbrand von Hamburg hätte löschen können.

Doch, ganz ruhig, ich atme tief und ohne Angst, nein, all das soll und darf mich nicht aufregen. Es ist nicht gut für die Gesundheit ANDERER. Lassen wir lieber den Abend mit einem fulminanten Konzert von Saltatio Mortis ausklingen. Ich muss zwar gestehen, dass mir als alter Schwermetaller die rockige Variante dieser Band, die in Deutschland zu den bekanntesten ihres Genre zählt, besser gefällt, doch lass ich mich schnell von ihrer Spiellaune in den Bann ziehen. Vor der Bühne steht eine unüberschaubare Masse von Leuten, die ihre Hände in Richtung Bühne strecken, die Lieder mitsingen und – wie es heute so schön heißt – abfeiern. Nach der Zugabe betritt Gisbert Hiller die Bühne und hält eine – wie ich finde – recht emotionale Rede und erinnert daran, dass in dieser Stadt möglicherweise bald keine Mittelalterfeste mehr stattfinden. Er fordert die Besucher auf, nette! Emails an die Stadt zu schreiben. Nein, es muss heißen: an die StadtVERWALTUNG Telgte (Die Stadt sind wir!) In Telgte wird der schwarze Peter gerne rumgeschoben, die einen sagen, es läge einzig und allein an dem bösen Gisbert und seiner sturköpfigen Verhandlungstaktik, die anderen (und dies sind u.a. auch Leute aus dem Dunstkreis des unsäglichen Aufsichtsrats) meinen, dass es sich eher um Machenschaften handelt, einer wilden Mixtur aus konservativer Denkstruktur, unreflektiertem Traditionsverständnis, Verbandsinteressen und kultureller Intoleranz. Den Worten des Mittelalterchefs folgt noch eine bombastische Licht- und Feuershow inklusive Kampf der Fantasiegestalten. Doch in unseren Köpfen fand nur noch ein Kampf statt, nämlich ein Ankämpfen gegen die schlechte Laune und ein tiefes Schamgefühl, Bürger einer Stadt zu sein, die nicht in der Lage ist, unterschiedliche Kulturinteressen zu akzeptieren. Ich frage mich an dieser Stelle: Wie tolerant muss eine Kleinststadt wie Wacken sein, wo jährlich das größte, mehrtägige Festival für härteste Metallmusik stattfindet? Wie bewundernswert ist der Bürgermeister von Lüdinghausen, der sich für den Erhalt des Area4-Festivals einsetzt, weil er erkannt hat, wie wichtig dies für die Stadt ist? Wir sollten den Aufsichtsrat dort mal zur Hospitation hinschicken, danach melden die sich freiwillig zum ehrenamtlichen Ausschank auf dem viertägigen! Spectaculum 2013!!!

Es war tief in der Nacht, als man uns höflich des Platzes verwies. Sonntag tauchten wir zwar noch einmal in das Sinnesspectaculum ein, doch es war nichts mehr wie es war. Tage später hörte ich Stimmen, die sich über die Lautstärke beschwerten. Doch erstens ist Telgte kein Altersheim und zweitens ist unser Mitgefühl gering, denn wir werden jetzt vier Tage an einem Stück von der weltschlechtesten Musik und einem an Körperverletzung grenzendes Kirmesorgelgedudel beschallt: Man nennt es Kirmes. Aber dass wir dies aushalten müssen, interessiert vermutlich kein Schwein! Und wisst ihr was, wir gehen trotzdem hin. Wie man das nennt? Toleranz!

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Holperdorper Hofausstellung: Die Fünfzehnte

(von Marion Illhardt)

30. Juli bis 07. August

Nachdem die Ausstellung in 2010 den Titel “Der Versuch zu leben” sich wohl auf den Brand, der den Ausstellungsort weitgehend zerstört hatte, bezog, bekam die Ausstellung diesmal den jubelnden Titel “Adieu Tristesse”, da sie nach erfolgreicher Renovierung wieder in Holperdorp 24 statt fand. Sechs Künstlerinnen und Künstler zeigten dieses Jahr ihr Können zu dem Thema “Adieu Tristesse”. Zu sehen waren interessante Objekte aus den Bereichen Glas, Keramik, Stein, Holz und Grafik.

Ich möchte den Stein rundum gestalten, ihn gänzlich verändern, Eckiges runden, Rundes mit Stufen und Kanten versehen, Schweres leicht aussehen lassen, hartem Stein ein weiches Aussehen geben. Dabei bin ich voller Achtsamkeit. Ich versuche, die besondere Schönheit des Sandsteins einzubeziehen in die Formgebung. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen Form und zarter Farbe, die die Entwicklung der Skulpturen prägt. Dadurch entstehen sehr verschiedenartige Arbeiten (Doris Gessner)

Kommt man vom Parkplatz auf das Gelände des Hofes ist rechter Hand eine kleine Wiese mit Blumenrabatten, in denen beim genauen Hinsehen schon wunderschöne Objekte von Doris Gessner und Jörg Hanowski zu sehen waren. Wir mussten schmunzeln: auch diesmal war auf dem Ausstellungsflyer zu lesen “Bitte keine Hunde”. Nichts gegen die Vierbeiner, aber die hinreißenden zum Teil filigranen Glasobjekte von Jörg Hanowski, die im Gebäude als auch im weitläufigen Garten zu bewundern waren, in Scherben zu sehen, wäre ein Trauerspiel gewesen. Mir haben es die Steinmetzarbeiten von Doris Gessner aber besonders angetan, sie verteilte interessante Objekte aus Sandstein aber auch Skulpturen Stein mit Holz auf der Fläche, die mich zuhause sofort anregten, ähnliches zu schaffen. Ich habe es dann doch aufgegeben!

 “Als Künstler habe ich mich dem Element Erde verschrieben, aus dem ich als solider Handwerker GebrauchsWERTE schaffe – zum täglichen Nutzen wie zur Freude in besonderen Momenten.
So entstehen Gefäße, freie Skulpturen, Ensembles für Gärten und Räume. Ich will schöpferisch in Form bringen, was Mensch sich zur Gestaltung des Raumes wünscht, der ihn umgibt.” (Detlef Kunen)

Der Einfahrt direkt gegenüber öffnet sich ein großes Scheunentor. Hier stellte Detlef Kunen seine Objekte aus. Skulpturen aus Terrakotta und Acryl, der Natur zwar nicht nachempfunden, aber durch die klaren kantigen Formen schon wieder sehr interessant.

Seit nunmehr 20  Jahren ist der Künstler Jochen Kublik freiberuflich tätig mit den Arbeitsschwerpunkten Zeichnung und Radierung. Eine rege Ausstellungstätigkeit seit Ende der 80er Jahre hat seine Arbeit vor allem im norddeutschen Raum und im skandinavischen Ausland bekannt gemacht.Dabei spannt die Zeichnung einen weiten Bogen vom klassischen Stilleben über kollageartige Kompositionen bis hin zu einer humoresken Figuration. In der Radierung sieht man der Leichtigkeit des Resultates selten die Mühsal des Entstehungsprozesses an. Die Tiefdrucktechnik in all ihren Spielarten ist über die Jahre zur Perfektion getrieben. Stillebenartige Darstellungen gleiten dabei immer wieder in eine phantastische oder traumhafte Szenerie hinüber. (aus seiner Vita)

Das war eine Gemäldesammlung ganz nach meinem Geschmack. Humorvolle fantastische Elemente, skurril dargestellt, Mensch, Tier, Spielzeug, alles wunderbar miteinander verbunden. Bewundernswert, wie er soviel Details in ein Bild untergebracht hat. Man brauchte schon eine längere Zeitspanne um alles zu erfassen. Dabei durch die Farbstifte mit einer wundervollen Leuchtkraft ausgestattet; das waren faszinierende Arbeiten! Ich wünscht, das könnte ich auch!

Faszinierend waren die Glasobjekte von Franz Winkelkotte. Vasen in allen erdenklichen Farben und Farbzusammenstellungen, hauchzarte Trinkgläser, die zu schade zum Benutzen wären und wunderschöne Glaskunst für den Garten. Nein, auch hier würde Bello nur Schaden anrichten!

Letztes Jahr am Hof Laig bewunderte ich schon die kleinen Keramikfiguren von Wendelin Gräbener. Interessant wie sie ihre Keramikfiguren zum Thema “Adieu Tristesse” gestaltet hat. Witzig und humorvelle Szenen waren im gesamten Ausstellungsgelände zu bewundern.

Manches mal war mir nicht klar, ob es sich hier um Kunst oder um ein geschmackvolles Blumen- bzw. Pflanzarrangement handelte. Irgendwie war alles Kunst! Und ich bin mir sicher, dass mir einiges durch die Lappen gegangen ist, denn die zum Teil kleinen Figuren und Objekte waren so versteckt in Szene gesetzt, dass es sich bei den Exponaten im Gartenbereich auch um ein Spiel hätte handeln können: “Such die Kunst”!

Weitere Information gibt es unter www.holperdorp.de

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Wenn du denkst du denkst, dann denkst du nur du denkst….

Denk mal! (Dortmund) by Arnold Illhardt

Denk mal! (Dortmund) by Arnold Illhardt

Eine kleine Psychologie des Denkens

Bevor der Mensch geschaffen wurde, hatte sich der Schöpfer eine ganze Weile mit der Planung und Produktion von Langohrfledermäusen, Breitnasenaffen und Spitzmaulnashörnern beschäftigt, um dann festzustellen, dass das Ergebnis leider nur suboptimal ausgefallen war. Was den mehr oder weniger possierlichen Tierchen allesamt fehlte, waren ausgeprägte kognitive Fähigkeiten wie Kreuzworträtsel zu lösen, Bundesligavereine auswendig zu kennen und die Montageanleitungen einer Benno-TV-Bank von IKEA zu verstehen. Und so entstand aus einem ganzen Sammelsurium tierischer Ersatzteile der homo sapiens, wobei das sapiens für weise und einsichtsfähig steht und sozusagen eine hirnspezifische Aufpeppung der Hominidae = Menschenaffen darstellt. Man könnte auch sagen, eine Art Weiterentwicklung vom Opel Rekord C zum Opel Vectra B. Die Ergebnisse können größtenteils als sehr gelungen bezeichnet werden, wenn man z.B. menschliche Subkategorien wie homo einsteinicus, homo dalailamacus oder homo kanticus betrachtet. Bei so manchem Superdenkmodell besteht allerdings das schwerwiegende Problem, dass sie ihre Gedankengänge nicht allgemeinverständlich in Worte fassen können, was offenbar auf einen Defekt in der kognitiven Fertigungsreihe zurückzuführen ist, also autotechnisch gesehen: Eine Montagsproduktion.

Doch die Welt des Denkens sieht ganz anders aus, wenn man das Augenmerk auf den ganz normalen, menscheligen Alltagsdenker legt. Dummerweise wurde das Projekt Mensch später nie wieder überarbeitet, so dass wir es häufig mit einer Reihe von unausrottbaren Betriebsfehlern zu tun haben, die oftmals nicht nur harmlose bis mittelschwere Kommunikationsprobleme auslösen, sondern mitunter, wie die Geschichte zeigt, zu Entgleisungen mit katastrophalen Folgen für einen selbst oder andere führen können. Zwar wird uns Menschen eine Menge Denken abgenommen und über vieles sollen wir von staats wegen auch gar nicht weiter nachdenken, dennoch bleibt gerade in Zeiten wie diesen jede Menge über, was unbedingt bedacht werden müsste. Und da sollte nicht allein das Denken, also das was hinten rauskommt, im Vordergrund stehen, sondern die Prozesse, die dazu führen.

Viele Menschen lieben Schubladendenken und Kategorisierungen und so teilen sie sich beispielsweise gerne in Bauch- und Kopfmenschen ein, was für so manchen Schlaumeier (eine ganz besondere Denkspezies) gleichbedeutend mit Träumer und Realist ist. Gerade die Herren der Schöpfung entschuldigen häufig mit dem Verweis auf die Zugehörigkeit zu den Kopfmenschen ihr angeblich nicht existentes Gefühlsleben, doch – werte Artgenossen – das ist Kokolores – denn Gefühle und Gedanken gehören zusammen und bedingen sich gegenseitig. So wundert es dann auch nicht weiter, wenn der vermeintliche Realist vor Sachlichkeit strotzt, weil er zu schwach ist, verborgene Ängste zuzulassen. Die Ergebnisse sind zwar häufig bis zum Abwinken durchdacht, haben aber die Ausstrahlung eines 5-Sterne-Kühlschranks.

Jeder kennt die Hobbymediziner im Familienkreis, die mit enormen Fachkenntnissen, die sie der „Frau im Spiegel“ oder anderen unsäglichen Käseblättchen entnommen haben, alles Mögliche kommentieren, was gesundheitstechnisch nicht niet- und nagelfest ist. Kaum läuft die Nase, wird von der Umgebung eine Ursache attestiert: Kein Wunder, wenn du immer so spät ins Bett gehst oder das kommt davon, weil du zuwenig oder zuviel (je nach Käseblatt) Milch trinkst. Eine Kausalität bringt ein Spur Kontrolle in unser Leben, weswegen unser Hirn diese Wenn-Dann-Variante den Möglichkeiten Koinzidenz (etwas entsteht zufällig mit etwas anderem zusammen) oder Kohärenz (etwas hängt mit etwas anderem in Wechselwirkung zusammen) bei weitem vorzieht. “Also sehen wir die ganze Welt als Uhrwerk. Und verstehen sie falsch.” (Matthias Horx. In: Das Buch des Wandels)

Man könnte sagen, wir Menschlinge sind aufgrund eines Konstruktionsfehlers mit einer ganzen Reihe von Denkfehlsteuerungen ausgestattet, die uns das Leben, und nicht nur das mentale, überaus schwer machen können. So ein Schlimmdenken ist das Schwarz-Weiß- Denken (“Männer sind langweilig oder schwul“) oder das Verallgemeinern, was zu unsinnigen Aussagen wie „Frauen können sich schlecht entscheiden“ oder sarrazinischer Denkdiarrhöe a la „alle Afrikaner sind ziemlich dumm!“ führen kann.

Doch bevor man ans Eingemachte geht, seien erst einmal die Klassiker wie Sorgen machen, Zweifeln und Grübeln erwähnt. Bedenkt man, dass das Denken an sich eine lebenserhaltende Maßnahme darstellen soll, so macht es einen nachdenklich, wie viele Menschen vor lauter Besorgtsein, Zweifeln und Grübeln krank werden. Nicht nur im Kopf! Lediglich das Grübeln kann im vereinzelten Fällen auch mal positive Auswirkungen haben, beispielsweise dann, wenn die Menschheit nach oft nächtelangen Denkvorgängen des Tüftlers mit großen Erfindungen wie halbautomatischen Nasenbohrern, japanischen Mutterbrustersatzvorrichtungen für Väter und batteriebetriebenen Eierköpfvorrichtungen beglückt wird. Der Spaß hört allerdings auf, wenn benannte Denkfehler in Schwarzsehen und Katastrophisieren ausarten und “the worst case” zur Dauerdenk(ein)richtung wird. Übrigens müssen das nicht unbedingt einzelnen Gedanken sein, die den Denker quälen, manchmal sind es auch ganze Gedankenketten mit mehr oder weniger chaotischen Verläufen. Apropos Eierköpfmaschinen: Eine sehr verbreitete Denkweise ist das „Gedanken-über-ungelegte-Eier-machen“ oder „ich-bastel-mir-eine-Depression-Denken“, was mich vor allem frühmorgens gerne bis zur paroxysmalen Denkstarre in Beschlag nimmt.

Menschen, die es besonders schlecht mit sich meinen, bauen mit Vorliebe Filter in ihre Denkprozesse ein, die einen klaren Gedanken kaum mehr durchsickern lassen. Wenn man überzeugt ist, dass die Zukunft mit Sicherheit eines sein wird, nämlich unerfreulich, wird dies mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Denken führen, das – sagen wir mal – alles andere als optimistisch gestimmt sein wird. Bei Politikern kann auch schon mal das nahe Ende der Legislaturperiode filterhaft wirken. Und wenn ich davon ausgehe, pottenhässlich und unfähig zu sein, wird mich das Lob des Gegenübers, wie gut mir die neue Brille steht, kaum erreichen – dem Filter sei Dank. Ähnlich uneffektiv, um nicht zu sagen: grottenuneffektiv ist das Ich-Denken. Ein „ist ja klar, dass das mir wieder passieren musste“ ist ein Satz, bei dem sich jeder Psychotherapeut vorfreudig die Hände reibt, da er sicherlich 20 Stunden braucht, bis das freiflottierende Ich endlich den Schnabel hält.

Zu erwähnen seien auch noch die automatischen Gedanken, die sich wie von Geisterhand eingeschaltet, immer wieder in unserem Kopf breit machen, obschon ihnen schon hundert Mal gesagt wurde, zu bleiben, wo der Pfeffer wächst, was gefühlt in Malaysia liegen könnte. Und dann wären wir auch beim Kopfkino, wobei der mentale Filmvorführer gerne Horrorstreifen und Tragödien bevorzugt, um sie uns vor allem dann, wenn sie überflüssig sind wie Wadenkrämpfe, auf unser inneres Auge zu projizieren. Warum bleiben sie nicht im Archivhinterkammer oder werden fachmännisch entsorgt!?“

Es gäbe noch viel mehr Denkfallen und -fehler aufzudecken, aber der Einblick soll reichen, um deutlich zu machen, dass ein „Ich denke, also bin ich“ zu kurz gedacht ist. Vielmehr müsste es heißen „wenn ich weiß, wie ich denke, bin ich!“ So und nun liebe Fachkundige und Experten unterschiedlicher Profession landauf, landunter: Warum in aller Welt soll das immer stimmen, was ihr da zusammengedacht habt? Wer sagt mir, dass Euer Ansatz nicht aus dem tiefen Frust entstanden ist, weil euer Liebesleben fade wie der Humor von Dieter Bohlen geworden ist, ihr unter chronischer Selbstüberschätzung leidet oder der Vater-Komplex gerade besonders in eurem Ego bohrt. Na? Und? Hab ich´s  mir doch gedacht!

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Vier Stunden Trash-People

Trash-People by Arnold Illhardt

Trash-People in Telgte by Arnold Illhardt

Bei meinen vielen Museumsbesuchen in zahlreichen europäischen Städten habe ich mich immer wieder gefragt: Was geht wohl den z.T. uniformierten Frauen und Männern durch den Kopf, die unauffällig durch die Säle schleichen und aufpassen, dass niemand beim Picasso die Alarmanlage auslöst oder “am Rodin päckt”. Wie sehen die selbst die Kunst, die sie bewachen müssen? Welche Gespräche der Besucher belauschen sie?

Im Juli 2011 hatte ich an zwei Wochenenden jeweils zwei Stunden das Vergnügen, selbst in die Rolle des „Museumswärters“ zu schlüpfen. Eine eindrucksvolle Zeit! Die Objekte meiner geballten Aufmerksamkeit waren die Trash-People des Aktionskünstlers HA Schult, die zur „Einkehr in Telgte“ auf der landschaftlich schönen Emsinsel Dümmert zwischengeparkt wurden. Die aus Alltagsmüll hergestellten, menschengroßen Schrottfiguren erinnern von weitem ein wenig an die Terrakotta-Armee von Qín Shǐhuángdìs, bei nahem nach komprimierten Papierkorbinhalt nach einer LAN-Party. Während die einzelne Figur eher unscheinbar ihr Dasein fristet (häufiger Kommentar von gestandenen Heimwerkern “dat kann ich dir auch mal eben abends zusammenbrutzeln!”), wirken die Müllmänner eher durch die Masse. Insgesamt wurden 198 Trashies in Reih und Glied so aufgestellt, dass sich immer neue Betrachtungslinien und je nach Lichtverhältnissen neue Farbeffekte ergaben. Steht man Auge in Auge, bzw. Auge in Cola-Dose mit den Schult-Typen, so machte das Wissen um ihre Weltbereistheit schon Eindruck bei mir. 1996 starteten sie in Xanten ihren friedlichen Zug um die Welt und posierten in Paris, Moskau, Peking, Chinesische Mauer, Gizeh, Kairo, Zermatt, Kilkenny Castle, Gorleben, Brüssel, Köln, New York, Rom, Barcelona und Syracus. Von ihrem vorletzten Aufenthalt in der Antarktis wurden sie noch tiefgefroren nach Telgte verschifft, wo, wie ich finde, ihre Tournee einen würdigen Abschluss findet, bevor sie z.T. in ein russisches Museum wandern.

Viele Tausend Menschen besuchten die Schrottarmee, einige Tausend davon zählte ich bei meinem vom Heimatverein Telgte organisierten “Wir-helfen-ihnen-gerne-weiter-Dienst”. Die Gespräche mit den vielen Interessierten, Pseudointeressierten und zunächst Desinteressierten waren äußerst eindrucksvoll. Ich wage mal eine Trash-People-Publikums-Charakteristik.

Da ist zunächst einmal der Urtelgter – männlich. Eigentlich komplett kunstdesinteressiert, aber von der Ehefrau mitgeschleppt, lässt er das Event über sich ergehen wie eine heimische Tupperparty. Der Westfale an sich ist recht einsilbig und so lässt sich diese Spezies zumeist zu Ausdrücken wie “Aha” oder “Soso” hinreißen. Die Urtelgterin dagegen wirkt interessiert, sagt “Aha” oder “Soso” und verschwindet mit Männe im Schlepptau flugs wieder ins heimische Wohnzimmer. Unterscheiden muss man noch den Trash-Telgter Marke “Meckerinsiki”: Er taucht mit Vorliebe dort auf, wo er nix, aber auch gar nix von der Sache versteht und sagt so Kanalltütenquatsch wie “das soll Kunst sein?” oder bevorzugt auch Aussprüche wie “und das alles von unseren Steuergeldern!”

Mehr Schwung bringt der “Fotograf” in die Blechdosigkeit. Er knipst sich die Finger wund und ist sich nicht zu schade, auch mal im Rasen kniend die Jeans zu versauen, um ein prickelndes Trash-Foto zu schießen. Man hört ihn so Sachen wie “irre” oder “das zoomt” sagen, ansonsten ist dieser Typus eher mit seiner Knipsmaschine beschäftigt, deren gesammelten Inhalte anschließend zuhause bis zur völligen Unkenntlichkeit mit Foto-Shop bearbeitet werden. Dagegen lauert der “Kunstfotograf” wie der Jäger auf dem Hochsitz im Dickicht auf ein passables Foto oder schießt aus der Hüfte ein trashiges Bild. Er redet nicht, er fragt nicht, er fängt Eindrücke ein.

Klasse sind die Ausflügler a la “Museumsjahreskartenbesitzer”, zumeist versierte mittelalte und ältere Damen, die häufig in Scharen einfallen und kunstgewandt das Szenario kommentieren. “Also, unglaublich, diese Wirkung, die von den Objekten ausgeht”. Sie saugen einem förmlich die Informationen aus der Nase, verweisen fachfraulich auf ähnlich geartete Künstler und verschwinden anschließend mit Bildbänden und Infomaterial. Vermutlich haben sie noch ein Date im Kloster Bentlage, wo die Ausstellung “Auf Tuchfühlung mit Macke und Co” auf sie wartet.

Der “Ököbetrachter” schaut zumeist mit stiller, in sich gekehrter Protestmine über das Heer aus Schrott. Er kann so mindestens 10 Minuten unbeirrt starren, während er innerlich gerade die letzte Anti-Atomstrom-Demo imaginiert. Und nachdem er sich aus der Bildmeditation befreit hat, diskutiert er gerne über die Botschaft der Ausstellung: Die Vermüllung der Welt, den Umgang mit Rohstoffen und die mangelnde Lernbereitschaft der Menschen in Sachen Müll&Co.

Eine weitere Marke für sich ist der Menschentypus “Bin-selbst-Künstler: bitte nicht ansprechen”. Gleich einer Lichtgestalt kunstwandelt er durch das Müllinferno, leicht angewidert (manches stinkt halt), aber auch fasziniert von der Kraft, der Energie und der Metamorphosenhaftigkeit der anvisierten Objekte. Wie ein Avatar steht er vor dem Schrottkollegen und man hört ihn leise, ganz leise”ich sehe dich” flüstern.

Nicht vergessen darf man die zumeist weibliche Spezies “Gala”. Sie finden die Ausstellung zwar interessant, noch viel mehr aber das jeweilige Liebesleben des Künstlers. Und – ich glaub´s echt nicht – die kennen alle seine verflossenen Liebhaberinnen, Musen und Ehefrauen. Lieber HA Schult, ich hoffe ich hab da kein Scheiß erzählt, aber ich habe sie auf den neusten Stand gebracht und ihnen erklärt, dass Anna Zlotovskaya Deine Ehefrau UND Muse ist. War das o.k.? Ich dachte mir, das ist jetzt mal eine echt feministische Sichtweise, dass die Frau auch Muse sein kann bzw. sein sollte! (Bei uns ist das jedenfalls so!)

Viele Besucher waren extra aus Dortmund, Gütersloh und sogar Everswinkel angereist, um Telgte und die Trash-Gäste zu visitieren. Und dabei lobpriesen sie immer wieder den ungeheuren Wert für die Stadt Telgte und dass sich Telgte doch gewandelt habe und dass überhaupt Telgte immer einen Besuch wert sei und man nur Gutes über Telgte gehört habe und dass ja auch Grass ein Buch über Telgte geschrieben habe und und und  … ach, ich fühlte mich als Original-Telgter von all den “Telgtefans” absolut gebauchpinselt.

Übrigens rankte sich um die Trash-People allerhand andere Hochkultur: So gab es eine Lesung mit Trash-Stücken von Christian Nachtigäller, die bereits zitierte Anna Zlotovskaya violonierte die Ergüsse ihres Mannes in Vivaldi und in einer unverregneten Nacht wurden die Blechdosenarmee farblich illuminiert. Was wir noch fehlte? Ein ordentliches T(h)rash-metal-concert mittenmang! So, und nun bring ich erstmal den Müll raus! Morgen ist Hausmüll!

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HABEN ODER SEIN

“Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems? (Erich Fromm)

Es klingt unzeitgemäß im Zeitalter von “Soll und Haben” über das “SEIN” nachzudenken. Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich mein “SEIN” etwas in die Abstellräume der mir bewusst zugänglichen, ich nenne es mal der Lebendigkeit gestellt hatte. Und obendrein wabert über Seiens-Diskussionen immer ein Hauch von Esoterik, den man mir bis zur absoluten Geruchlosigkeit in der wissenschaftlichen Universitätsdenkschmiede ausgeblasen hat. Die psychologische Fakultät der Münsteraner-Uni ist verhaltenstherapeutisch ausgerichtet und bei den VT´lern ist man gerade mal bei den Gefühlen angekommen, da kann man Ausflüge ins Tiefenpsychologische nicht wirklich erwarten.

Nun hatte ich Urlaub und damit viel Zeit, über mich und mein SEIN nachzudenken. Denn, um es genauer auszudrücken, ich hatte nicht einfach nur Urlaub, sondern ich brauchte ihn ganz dringend. Eigentlich hätte er ärztlicherseits verschrieben werden müssen! Überhaupt sind ja sowohl ärztliche Verrichtungen, als auch mein psychotherapeutisches Handeln nichts anderes, als Leib und Seele des menschlichen Wesens so zu reparieren, dass sie wieder voll funktionstüchtig sind. Für wen oder was auch immer! Und so verließ auch ich mein Büro für “psychotherapeutische Menschenverwaltung” (die Behördenheinis im Gesundheitssystem ziehen eine gut geführte Dokumentation, sprich Verwaltung, einem gut moderierten Gesundungsprozess bei weitem vor). Zuhause putzte ich noch einmal liebevoll Staub auf meinem Trophäenschrank, in dem ich die Pokale und Orden, die ich für meine offenbar zu aller Zufriedenheit geleistete Arbeit erhalten habe, mit Herzblut und Magendruck sammle. Dabei stieß ich auch auf meine gut gepflegten Burnout-Symptome und sonstigen Anzeichen von mangelnder Selbstachtsamkeit, (auch so ein Wort, dass so unwissenschaftlich daherkommt wie eine Scheibe Mortadella), die ich beflissentlich hinter dem besagten Schrank der Eitelkeiten auf dem HABEN-Konto versteckt habe.

Elba sollte der Ort der unverbannten Verheißung sein, wo wir unsere aufgebrauchten Reserven (der technoide Mensch redet auch gerne von “Akkus”) wieder auffüllen wollten. Egal ob in der lauschigen Strandbucht oder vor der Tür unserer entzückenden Wohnung in Capoliveri mit Blick über die Insel, im Gepäck befand sich stets das Buch von Erich Fromm “Haben oder Sein”. Was liegt näher – für mich jedenfalls – als in dieser beschaulichen Atmosphäre Innenschau zu halten, wozu die Lektüre dieses Werks unbedingt einlädt. Zudem hatte ich das Buch bereits in zarten Alter von 23 Jahren, also in der Blüte meiner Sturm- und Drangzeit gelesen. Es ist beinah unmöglich dieses besondere Buch (für mich eine Art Bibel) mit wenigen Worten wiederzugeben, doch zur Orientierung hier ein paar zusammenfassende Auszüge:

Der Psychoanalytiker, Soziologe und Philosoph Erich Fromm dekliniert die beiden Pole Haben und Sein durch alle Lebensbereiche hindurch. Im HABEN sieht Fromm das Übel der gegenwärtigen Zivilisation; die heutige Gesellschaft ist vom Modus des Habens oder Habenwollens bestimmt. Dabei steht HABEN nicht nur für Privateigentum, sondern auch für Macht, Autorität oder unbeschränkte Produktion. Wir definieren uns nicht über das, was wir sind, sondern über das was wir HABEN. Und schauderweise funktioniert das System verflixt gut; wie schnell lassen wir uns von solchen Habenmenschen blenden?! In Italien geht es sogar soweit, dass an der Spitze des Staates ein Mann steht, der im Grunde nur dadurch brilliert, dass er stinken- und einflussreich  - eben wohlHABENd – ist. Der Philosoph Spinoza hält sogar Menschen, die in erster Linie von der Gier nach Geld, Besitz und Ruhm angetrieben werden, für krank. Ganz falsch liegt er dabei nicht! Einige der üppig begüterten oder besonders machtvollen Personen, die mir im Leben begegnet sind, erschienen mir äußerst verhaltensauffällig und gefühlsgestört.

Mit Geld und Macht bekommt man vieles, doch kein gesundes Sein, wohl eher den Schein von Sein. Fromm beschreibt einen Menschen, der vom SEIN bestimmt ist, als jemanden, der zu sich selbst kommt, eine innere kreative Aktivität entfalten kann (was nicht mit Betriebsamkeit zu verwechseln ist!) und der seine menschlichen Fähigkeiten wirklich produktiv einsetzen kann. SEIN bedeutet aber auch zuzuhören, wahrzunehmen, konstruktiv zu lernen, kritisch zu sein, zu lieben und Liebe zu wecken, ein kontemplatives (meditatives) Leben zu führen und das Leben in sich zu spüren. Und zwar hier und jetzt. Unbedingte Grundlagen für ein lebendiges SEIN sind Unabhängigkeit, Freiheit und kritische Vernunft. Unser Ziel müsste sein, viel zu SEIN, nicht viel zu HABEN bzw. mit dem zufrieden zu sein, was wir haben.

Wie bereits erwähnt, las ich dieses Buch schon als junger Mann, allerdings mit weniger Nachhaltigkeit als heute, um nicht zu sagen: Ich habe damals kaum etwas verstanden. Beim jetzigen Lesen sind mir vier wichtige Aspekte bewusst geworden: a) ich bin intuitiv – bis auf wenige verzeihliche Ausnahmen – zumeist auf dem Weg des SEINS gelaufen, b) man sollte auch im Alter vielmehr auf  das hören, was einem die Jugendstimme sagte (sie ist zwar noch brüchig, aber mutiger), c) man kann gar nicht genug provokantes Gegenverhalten, konstruktive Aggression und Rebellion an den Tag legen, um diese pathologische HABENgesellschaft wo es nur geht auszuhöhlen und d) das Ganze funktioniert nur, indem man bei sich selbst anfängt und Platz fürs SEIN schafft.

Wenn ich aus dem Urlaub zurückkehre, verschenke ich den Trophäenschrank. Alles was ich fürs SEIN benötige, muss nicht gesammelt werden, nur gelebt!

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Die Gesichter hinter den Fratzen

Negative Erscheinungen  wie Kapitalismus, Machtmissbrauch oder (irrationale) Autorität werden oft entpersonitifziert, doch hinter diesen gesellschaftlichen Fratzen stecken Persönlichkeiten. Menschen!

Eine Sequenz von – sagen wir – 12 Stunden im Zeitraffer.

Aufgrund einer Erkrankung habe ich Zeit, vor allem Muße. Muße zum Denken, das über das berufsbezogene Denken, das sonst den Tag bestimmt, hinausgeht. Vielleicht ist in solchen Momenten der Verstand wacher und empfänglicher.

Am Abend zuvor ein Gespräch, in dem baubehördliche Blödsinnig- und Engstirnigkeit in der Stadt Telgte eine Rolle spielen.  Ein Bekannter erzählt von irrsinnigen Machtspielen in der früheren Firma, wobei sich die Spielfiguren in gehobenen Stellungen befinden. Morgens lausche ich den Nachrichten: u.a. geht es um militärische Unsinnigkeiten. Auf dem Weg zum Arzt fahre ich unter einem Anti-Atomtransparent her, das zum Abschalten des nuklearen Wahnsinns auffordert. Im Wartezimmer STERN und FOCUS: Oberflächliche Meldungen über den politischen Schwachsinn, wirtschaftlichen Stumpfsinn und kulturellen Nichtsinn. Ein Gespräch mit meinem Arzt über das zunehmende Machtmonopol der Krankenkassen, aber auch die Monetarisierung des Medizinwesens.

Auf dem Weg nach Hause denke ich über diese Narreteien aus Politik, Wirtschaft, Gesundheitswesen und Gesellschaft nach. Wir Menschen haben dafür Namen gefunden: Macht! Autorität! Kapitalismus! Geldgier! Skrupellosigkeit! Egoismus! Eine kleine Auswahl! Diese Ausdrücke sind jedoch gesichtslose Entitäten, über die man sich aufregen, an die man sich aber auch gewöhnen kann, genauso wie man sich an andere hässliche Abgründe des menschlichen Seins gewöhnt. Doch skrupelloser Kapitalismus beispielsweise ist keine geldraffende Krake, ein über Leichen gehendes Monstrum oder ein skrupelloser Nebel des Grauen. Hinter all diesen Erscheinungen stecken Menschen und damit Gesichter und Persönlichkeiten. Häufig sind es Irgendwers, Nobodys oder allenfalls DIE Politiker, DIE Wirtschaftsbosse oder DIE Gesellschaft. Der Grund unserer Ärgernisses ist entpersonifiziert.

Deshalb endet hier oftmals unser Denken und Sinnen und lässt uns in einer das-ist-halt-so- und da-kann-man-nichts-machen-Mentalität verharren. Doch die genannten Fratzen sind noch nicht die Ursache für, sie sind das Resultat von etwas, nämlich das Resultat aus einer dahinter verborgenen Persönlichkeit der Fratzenmacher. Je mehr es mir durch meine Profession als Psychologe möglich wurde, den Mensch in seinem Denken, Fühlen und Handeln zu begreifen, aber auch die krankmachenden Faktoren der Psyche und der Umgebung auf die Psyche zu verstehen, desto mehr Gewicht und Bedeutung bekommt für mich die Persönlichkeit eines Menschen.

Die Fach- und allgemeine Literatur, nebst den zahlreichen Biografien, sogar  triviale Fernsehserien (man denke nur an das unsägliche “Dallas”)  erklären uns von schön schräg über erschreckend gesellschaftskritisch bis schlimm sachlich, was einen Menschen treibt, motiviert oder veranlasst, entsprechend inhuman zu handeln. Und so erkennen wir plötzlich, warum jemand so gnadenlos mit seinen “Untergebenen” umspringt, warum jemand seinen Mitstreiter eiskalt ausbootet, warum jemand sein Volk in den Ruin oder gar Krieg führt oder warum jemand andere ausbeutet. Wir finden bedauernswerte Charaktereigenschaften oder gravierende Kindheitserfahrungen, wodurch die jeweilige Person geprägt und eingenordet wurde: Der blasierte Staatspräsident, der durch Eitelkeit und Männlichkeitsallüren gelenkt wird; der kaltblütige Minister, dessen Verhalten durch Standesdünkel und durch ein patriachal-autoritäres Elternhaus erklärbar ist; der Medizinaristokrat, der an Selbstüberschätzung und ausgeprägten Narzissmus leidet oder der Betriebschef, dessen Führungsform sich auf eine paranoid-strukturierte Individualität stützt. Die Beschreibungen lassen sich übrigens gerne auch in die weibliche Form transferieren!

Rationale Autorität fördert das Wachstum des Menschen, der sich ihr anvertraut, und beruht auf Kompetenz. In der Regel finden wir bei den oben Genannten eine irrational ausgeübte Form der Autorität, die sich lediglich auf Macht stützt und zur Ausbeutung der ihr Unterworfenen dient (in Anlehnung an Erich Fromm). Sie haben keine Autorität (und wenn dann eine künstliche), sie sind eine Autorität bzw. legen alles an den Tag, als solche zu erscheinen.

Der Ausflug in persönlichkeitspsychologische Welten bietet noch keine Lösung für die Gebrechen unserer Zeit, aber es lässt sie in einem anderen Licht erscheinen. Nach Sigmund Freud sind Personen, die ausschließlich mit Haben und Besitz, Prestige und Profilierung beschäftigt sind, psychisch krank und haben als anale Charaktere das Stadium der Reife nicht erreicht. Mein Resultat aus diesen Ausführungen: Mein Respekt vor diesen Unpersonen, egal in welchem Metier sie ihre unfertige Persönlichkeit ausleben, sinkt ins Bodenlosen und mein Gefühl ist eher von Mitleid geformt. Geh morgen in Dein Büro und wenn Dich Dein Vorgesetzter anbrüllt oder sonst wie negativ behandelt, dann lächele buddhistisch in Dich hinein und denke eine Weile darüber nach, wie tief sich Dein Gegenüber in der Scheiße innerhalb seiner analen Phase gerade befindet.

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Farasan – Gemeinschaft für hedonische Lebensweise in Telgte

 

Salburger FriedhofFARASAN Einfallswinkel in Telgte FARASAN  Geisteswerkstatt FARASAN Haus der Liebesgemeinschaft FARASAN Denkschmiede FARASAN Sinnesraum FARASAN Lustwandelhalle FARASAN Büro der außerparlamentarischen Opposition FARASAN Querdenkertreff FARASAN Philosophenstube FARASAN Genusstempel FARASAN Kunstatelier FARASAN hedonischer Lebensraum FARASAN Labor für emotionale Fantasie FARASAN Leidenschaftliche Wohnwelt FARASAN Flussgarten FARASAN Schöngeistzuhause FARASAN Traumwelt FARASAN Musikarchiv FARASAN Weltverbesserungsanstalt FARASAN Gefühlsgwölbe FARASAN Ort der Muße FARASAN Sinniersalon FARASAN Platz der Begegnung FARASAN TV-freie Zone FARASAN Daseinsstatt der Zeitentschleunigung FARASAN Hort der Anhängerschaft mittelalterlichen Umtriebe in Telgte FARASAN Zentrum für humanistische Denkweisen FARASAN Pflegeheim für individualanarchistisches Gedankengut

FARASAN das Zuhause von Marion & Arnold

FARASAN in und zu Telgte

FARASAN Willkommen!

  

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